«The Internet has destroyed more jobs than it has created»

Digital-Apostel können Jaron Lanier nicht als Kulturpessimisten abtun. Seit dreissig Jahren arbeitet Lanier als Computerwissenschaftler, er hat unter anderem den ersten Datenhandschuh entwickelt. Doch er sieht auch die Grenzen und die Gefahren der immer breiteren Anwendung von Computern. In seinem neuen Buch «Who Owns The Future» macht er sich Gedanken über die wirtschaftlichen Auswirkungen der Informationstechnologie: «Digital networking hollows out every industry, from media to medicine to manufacturing… The Internet has destroyed more jobs than it has created.» In dem Mass, in dem Software immer mehr Wirtschaftsbranchen automatisiert, wird die Arbeitslosigkeit steigen, warnt Lanier – nämlich, wenn Chauffeure durch automatische Verkehrsmittel, Fabrikarbeiter durch 3-D-Printer oder Krankenpflegerinnen durch Roboter ersetzt werden. Heute führt das Internet dazu, dass Hunderte von Journalisten arbeitslos werden und Plattenläden eingehen. Doch künftig werden noch ganz andere Branchen massive Probleme haben, so Lanier: «Advancing technology could do to surgery what it has already done to recorded music… Nanorobots, holographic radiation, or just plain old robots using endoscopes might someday perform heart surgery.»

Plattenladen «Crazy Beat», 1981 – 2013

Plattenladen «Crazy Beat», 1981 – 2013

Musikfreunde, die sich freuen über Gratismusik aus dem Internet, sollten sich nicht zu früh freuen, denn vielleicht werden sie zu den Opfern der nächsten Automatisierungswelle gehören, schreibt der Computerwissenschaftler. Er entwirft ein bedrohliches Szenario: «We can survive if we only destroy the middle classes of musicians, journalists and photographers. What is not survivable is the additional destruction of the middle classes in transportation, manufacturing, energy, office work, education, and health care.»

Musikhaus Jecklin, 1958 – 2012

Musikhaus Jecklin, 1958 – 2012

Nur wenige profitieren laut Jaron Lanier von der Computerisierung : «The rise of digital networking is enriching a relative few while moving the value created by the many off the books.» Diese Entwicklung ist nicht nachhaltig, kritisiert der Autor: «The principal beneficiaries of the digital music business are the operators of network services that mostly give away the music in exchange for gathering data to improve those dossiers and software models of each person.» Man sollte sich nichts vormachen. Der Gratiskonsum im Internet hat nachteilige Folgen für alle: «It has become commonplace to expect online services (not just news, but 21st century treats like search or social networking) to be given for free – or rather, in exchange for acquiescence to being spied on.»

Um das zu ändern, schlägt Jaron Lanier vor, die Internet-Wirtschaft neu zu organisieren: Alle, die Informationen ins Netz stellen, die für andere wertvoll sind, sollen für die Informationen mit «Micropayments» entschädigt werden. Nur so könne man verhindern, dass das Internet noch grössere Teile des Mittelstands schädigt.

Plattenladen «Rock On», 1979 – 2009

Plattenladen «Rock On», 1979 – 2009

Jaron Lanier: «Who Owns The Future?» Simon & Schuster 2013

Fotos: Andreas Gossweiler

Über agossweiler

Journalist
Galerie | Dieser Beitrag wurde unter Medien veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

4 Antworten zu «The Internet has destroyed more jobs than it has created»

  1. Nun ja, das Internet ist ja auch gerade mal 2 bis 3 Jahre alt und die Arbeitslosenzahlen steigen und steigen. Das hat ja auch nichts mit dem negativen Bevölkerungswachstum und der blendenden wirtschaftlichen SItuation rund um uns herum zu tun.
    Sry, wenn ich etwas verwechselt haben sollte, aber ich habe etwas Kopfschmerzen von deinem doch sehr poitiv und hoffnungsvollen formulierten Blogpost bekommen. Das hat evtl. meine Sinne etwas verwirrt.

    • Andreas Gossweiler schreibt:

      Marcel Baur > Für die wirtschaftliche Entwicklung gibt es immer viele verschiedene Faktoren. Das bedeutet aber nicht, dass das Internet keinen Einfluss hat auf die wirtschaftliche Entwicklung. Die Probleme der Musikindustrie und der Medienbranche kann man sicher nicht mit dem negativen Bevölkerungswachstum erklären. Hier hat das Internet ganz eindeutig einen zerstörerischen Einfluss. Es ist Jaron Laniers Verdienst, dass er darauf aufmerksam macht, dass der Krankenpfleger, der heute froh ist um Gratismusik, vielleicht morgen ebenfalls ein Opfer der zunehmenden Computerisierung wird. Das ist natürlich im Moment nur eine Hypothese, aber es ist eine sehr gut begründete Hypothese.

  2. Wie im Tweet heute morgen angedeutet, teile ich diese Meinung nicht unbedingt.

    Mal vorweg: Im Prinzip ist die Diskussion, ob, zum Beispiel, ein 3D Drucker gut oder böse ist, sinnlos. Denn Innovation und Entwicklung, also Wandel, findet nun mal statt. Das lässt sich nicht vermeiden. Die Frage ist eher, ob und wie wir uns mit neuen Errungenschaften arrangieren.

    Und nochmals vorweg: Ich habe «Who Owns The Future» von Jaron Lanier nicht gelesen. Ich hab aber auch den «Wachturm» nicht gelesen und weiss trotzdem, dass ich mich mit der Ideologie der Zeugen Jehovas nicht anfreunden werde.

    Ich greife erneut Gutenberg mit dem Buchdruck auf. Plötzlich war es möglich, Texte in Massen zu reproduzieren. Das machte den Beruf der fleissigen Schreiberlinge, die die Handschriften bislang von Hand kopiert haben, arbeitslos. Trotzdem würde diese Innovation heute niemand als Böse bezeichnen, denn es wurden auch viele Arbeitsstellen dadurch geschaffen, wie letzten Endes Authoren, Journalisten, Verlagsmittarbeiter und tausende mehr. Zudem wurde es erst dadurch möglich, Wissen auf eine vergleichbar einfache Art zu transportieren.

    So ähnlich sehe ich das mit heutigen Errungenschaften, wie dem 3D Drucker. Wenn ich heute die Idee für einen total stylischen Smartphonehalter habe, zeichne ich einen Plan dafür, druck das Ding aus und vertreibe den auf eigene Regie übers Internet. Früher musste ich für die Produktion viel Geld in die Hand nehmen. Dazu musste man meist Geldgeber von der Idee überzeugen. Wenn das nicht geklappt hat, ist die Idee wohl oder übel gescheitert. Die Welt ist letzenendes nicht in den Genuss dieses total stylischen Smartphonehalters gekommen. Obwohl diese hypotetische Idee vermutlich genial gewesen wäre.

    Heute funktioniert das ähnlich mit den Zeitungen und Verlagen. Plötzlich ist es allen möglich, Journalist zu spielen und ganz einfach Leser dafür zu finden. Einfach einen Blog eröffnen und drauflos schreiben. Jeder kann den gratis lesen, und warum soll an einer Stelle für eine Information bezahlen, wenn ich sie an anderer Stelle gratis bekomme. Klar fühlen sich Zeitungen bedroht von dieser Situation. Das selbe findet in der Musikbranche statt. Immer mehr Musiker vertreiben ihre Kunst direkt, ohne Zwischenhändler, im Internet. Ist auch viel einfacher. Sie sind plötzlich nicht mehr auf die Gunst einiger Plattenfirmen angewiesen, sondern hab den Vertrieb selber in der Hand. Aus meiner Sicht fördert das aber die Vielfalt. Und bitte, was ist an Vielfalt schlecht?

    Du magst jetzt sagen, dass von Vielfalt noch niemand seine Familie und sich selbst ernähren kann. Das ist wohl richtig. Deshalb müssen Geschäftsmodelle angepasst werden. Das müssen sie aber doch sowieso schon immer. Der ehemalig brotlose Künstler verdient sein Geld plötzlich mit selbstgedruckten Smartphonehaltern. Der Blogger verdient sein Geld mit Werbung auf seiner Seite. Die Journalisten und Musiker möglicherweise via Abgaben der ISPs und zum Beispiel YouTube. Wir müssen uns dem Wandel nur anpassen. Der einzige Unterschied ist der, dass der Wandel heute viel rasanter ist als vor 10’000 Jahren. Da hat mal einer gemerkt, dass man scharfe Steine toll als Werkzeuge benutzen kann. Und erst viele tausen Jahre später ist man auf die Idee gekommen, dass man aus Erz ganz super Werkzeuge aus Metall herzustellen kann. Heute geht das eben deutlich rascher. Ich bin mir aber sicher, dass sich der Mensch auch dieser Gegebenheit anpassen wird.

    • Andreas Gossweiler schreibt:

      Stefan Ludwig > Diskussionen über technische Entwicklungen sind nie sinnlos, denn technische Entwicklungen sind nicht gottgegeben, sondern dahinter stehen immer Entscheidungen von Menschen, und man kann sie jederzeit beeinflussen, zum Beispiel mit Gesetzen.

      Der Vergleich der Computerisierung mit dem Buchdruck ist falsch, denn der Buchdruck war keine revolutionäre Zäsur, sondern nur ein Glied in einer Kette von technischen Entwicklungen, das Papier gab es zum Beispiel schon lange vorher. Die Schreiber konnten nach der Erfindung des Buchdrucks Drucker werden. Aber Journalisten haben nach der Computerisierung keine adäquaten Jobmöglichkeiten, wenn sie ihren Job verlieren. Das gleiche gilt für die Fabrikarbeiter – was sollen sie machen, wenn jeder zuhause einen 3D-Drucker hat? Ein Teil der Arbeiter kann 3D-Drucker produzieren, aber nicht alle.

      Deine Darstellung der Auswirkungen des Internets ist beschönigend. Klar kann jeder einen Blog aufziehen, aber es ist schwierig, ein grösseres Publikum zu finden und mit dem Blog Geld verdienen (von der Werbung auf meinem Blog sehe ich keinen Rappen, WordPress sackt die ganzen Einnahmen ein). Die «Gratiskultur» im Internet zerstört gleichzeitig den professionellen Journalismus, was zur Folge hat, dass die gesamte Gesellschaft weniger gut informiert ist. Blogs sind kein Ersatz für professionelle Zeitungen.

      Das Internet schädigt auch die Musikszene. Es ist überhaupt nicht «viel einfacher», Musik selber im Internet zu vertreiben – es ist im Gegenteil viel schwieriger, ein grosses Publikum zu erreichen ohne Hilfe einer Plattenfirma. Nur ganz wenigen Musikern gelingt das. Das Internet zerstört die Vielfalt der Musikszene, denn der Gratiskonsum im Internet beraubt die Musiker ihrer Einnahmen. Dass Musiker ihr Geld mit «Smartphonehaltern» verdienen sollen, ist wohl eher ein Witz.

      Wenn also das Internet die Musikszene, den Journalismus (und laut Lanier künftig auch viele andere Branchen) aushöhlt, kann es nicht die Lösung sein, dass wir uns mit dieser schädlichen Entwicklung abfinden und uns ihr «anpassen». Wir müssen vielmehr Gegensteuer geben und das Internet so einrichten, dass Journalisten und Musiker (und Berufsleute anderer Branchen) fair entschädigt werden für ihre Arbeit.

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s