Das Bahnhof-Massaker

Güterbahnhof

Vor vierzig Jahren wollten die SBB den Zürcher Hauptbahnhof abbrechen und durch einen modernen Klotz ersetzen. Heute würde man jeden als wahnsinnig bezeichnen, der dies ernsthaft vorschlagen würde. Doch momentan passiert etwas ähnlich Entsetzliches: Der bescheidenere Cousin des Hauptbahnhofs, der Güterbahnhof, wird ohne Anteilnahme der Öffentlichkeit abgebrochen. Dies, obwohl der Güterbahnhof im Inventar der schützenswerten Denkmäler aufgelistet ist. Das ist eine Tragödie.

Der Güterbahnhof hat zwar keinen pompösen Triumphbogen wie der Hauptbahnhof. Seine Fassaden sind weniger üppig verziert. Und er liegt auch nicht an der edlen Bahnhofstrasse, sondern zwischen Bahngleisen und Arbeiterquartier. Das alles rechtfertigt die Zerstörung dieses einmaligen Baudenkmals nicht. Denn die sägezahnförmige Anordnung der Gleise, dank der es möglich war, viele Wagen gleichzeitig ein- und auszuladen, ist genial und in dieser Form in der Schweiz einmalig. Und die Fassade mit den dekorativen roten Backsteinbögen ist typisch für viele Industriebauten aus dem 19. Jahrhundert, von denen es immer weniger gibt.

Der Abbruch des Güterbahnhofs zeigt, wie zahnlos die Denkmalpflege ist und wie lieblos die Stadt Zürich mit bedeutenden Baudenkmälern umgeht. Wenn der Güterbahnhof weg ist, wird sich niemand mehr daran erinnern, dass vor nicht langer Zeit ein grosser Teil der Güter per Bahn in die Stadt transportiert wurde. Und falls der Gütertransport per Bahn doch wieder einmal als nützlich erachtet wird, ist die Infrastruktur nicht mehr da.

Wenigstens habe ich rechtzeitig Fotos gemacht von diesem wunderschönen Güterbahnhof.

Foto: Andreas Gossweiler

Über agossweiler

Journalist
Galerie | Dieser Beitrag wurde unter Architektur, Eisenbahn veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

2 Antworten zu Das Bahnhof-Massaker

  1. Urs Müller schreibt:

    Hmm, der Westtrakt des Hauptbahnhofs wurde auch Stein und Stein abgetragen und später nicht mehr aufgebaut, sondern durch den Neubau ersetzt. Zudem ist diese «sägezahnartige» Gleisanlage nicht wirklich etwas einmaliges. Mal beim Planzer in Zürich Altstetten (ehemaliger Schnellgutbahnhof) vorbeischauen. Spannend wäre doch zu wissen, wie das Gelände zu letzt genutzt wurde und was jetzt darauf gebaut wird. Denkmalschutz ist etwas grundsätzlich gutes, jedoch ist eine Denkmal-Stadt/Denkmal-Schweiz eben ein Denkmal und nichts bewohnbares. Also braucht es immer Kompromisse. Sagt jemand, der in einem Haus wohnt, das in der zweithöchsten Schutzstufe zugeteilt ist und das Ringen mit den Denkmalbehörden kennt.

    • Andreas Gossweiler schreibt:

      Kompromisse braucht es tatsächlich. Aber ein Abbruch ist kein Kompromiss, sondern eine kompromisslose Zerstörung. Nachher erinnert nichts mehr an die Vergangenheit. Nur wenige Prozent der Gebäude sind historisch wertvoll. Die Hausbesitzer müssen ihnen Sorge tragen, statt mit den Denkmalbehörden zu fighten. Ein Baudenkmal ist sehr gut bewohnbar und hat zudem auch ein historisches Ambiente, was den Wert erhöht, nicht schmälert. Das Polizei- und Justizzentrum muss nicht zwingend auf dem Grundstück des Güterbahnhofs gebaut werden, es fände sich sicher auch an einer anderen Stelle Platz dafür. Der Güterbahnhof ist tatsächlich einmalig. Der Schnellgutbahnhof (heute Planzer) ist ein gesichtsloser Betonbau aus den 70er Jahren und ist aus architektonischer Sicht kein Trost für die Zerstörung des Güterbahnhofs. Der Westtrakt des Hauptbahnhofs war ein relativ kleines Gebäude und in seiner Bedeutung ebenfalls nicht mit dem Güterbahnhof vergleichbar.

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