Favela Café: Protest als Selbstzweck

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«Favela Café» heisst eine Kunstinstallation auf dem Vorplatz der Art Basel. Sie besteht aus 16 Holzhütten, die äusserlich aussehen wie Hütten in einem südamerikanischen Slum, und die innen roh gezimmerte Holzbänke haben, auf denen man sich niederlassen und Kaffee trinken kann. Gebaut wurde das «Favela Café» vom Basler Architekten Christophe Scheidegger und vom japanischen Künstler Tadashi Kawamata.

Das «Favela Café» hat gestern, am drittletzten Tag der Art Basel, für einen grösseren Wirbel gesorgt. Grundsätzlich finde ich es gut, wenn Kunst für Kontroversen sorgt. Es gibt nichts Schlimmeres als eine saturierte Gesellschaft, in der Kunst nichts mehr bewegen kann. Soweit sind wir glücklicherweise noch nicht, das haben die Ereignisse um das «Favela Café» gezeigt.

Aktivisten aus dem alternativen / autonomen Kuchen ist das «Favela Café» ein Dorn im Auge. Sie protestierten dagegen, «dass Favela-Hütten als Kunst inszeniert werden». Und sie «wollten an die reale Bedeutung der Hütten erinnern», dies laut srf.ch. Laut der Tageswoche war das «Favela-Café» den Protestierenden «zu wenig real». Deshalb stellten sie kurzerhand ohne Erlaubnis der Art Basel neben die Kunstinstallation weitere Hütten auf und organisierten eine Disco, brachten 1000 Bierdosen mit und brieten Würste auf einem Grill. Die Aufforderung der Art Basel, die Protestaktion abzubrechen, ignorierten die Protestierenden, worauf sie mit einem Polizeieinsatz vertrieben wurden.

Wie gesagt: Dass Kunst zum Widerspruch anregt, ist gut. Mir scheint jedoch die Begründung der Protestierenden sehr oberflächlich und konfus. Wenn man gegen das Elend in der Dritten Welt kämpfen will, ist eine Kunstinstallation sicher ein denkbar unpassendes Objekt für die Kritik. Denn die Kunstinstallation von Scheidegger und Kawamata regte zum Nachdenken über das wirtschaftliche Gefälle zwischen Basel und Südamerika an. Es ist deshalb nicht nötig, mit einer Protestaktion «an die reale Bedeutung der Hütten zu erinnern», denn genau das macht das «Favela Café» bereits. Der Protest richtet sich somit gegen ein falsch verstandenes Symbol – die Protestierenden unterstellen dem Künstlerduo, es missbrauche die Favela-Hütten, um das Elend der Dritten Welt irgendwie zu glorifizieren oder zu verharmlosen. Das ist eine mögliche Interpretation, aber bei weitem nicht die einzige und auch nicht die plausibelste.

Christoph Scheidegger reagierte sehr souverän auf den Protest: Er sagte laut srf.ch, es liege «beim Betrachter, herauszufinden, warum das Projekt so aussieht.» Diese geistige Offenheit lassen die Protestierenden vermissen – sie haben sich von Anfang an auf eine Interpretation eingeschossen, statt sich vom Kunstwerk zum Nachdenken anregen zu lassen.

Screenshot: srf.ch

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4 Antworten zu Favela Café: Protest als Selbstzweck

  1. dtr schreibt:

    Sowohl der Protest als auch die Gegeninstallation sind im Zusammenhang mit der ohne Zweifel dekadenten Gastro-Einrichtung als Gesamtkunstwerk betrachtbar, zu dem die Vorlage regelrecht einlud. Demzufolge ließen es nicht etwa die Protestierenden sondern die Betreiber an geistiger Offenheit vermissen, was mit der Tatsache und der Argumentation für die Räumung der Protestanlage nur allzu gut dokumentiert ist. Die Protestanten hatten das Gelände nicht angemietet und wurden daher nach einer Anzeige des Veranstalters mit Polizeigewalt vertrieben. Was gibt es dazu noch zu sagen außer, dass auch dieser Vorgang zum Gesamtkunstwerk gehört? Wo die menschliche Realität (vertreten durch die Protestierenden) nicht in die erwünscht heile Welt der materialisierten Vorstellung passt, wird sie von der Obrigkeit zurückgedrängt.

    • agossweiler schreibt:

      Das stimmt nicht. Die Störaktion war kein Teil des Kunstwerks, sondern beschädigte das Kunstwerk. Wenn ich in einen Konzertsaal gehe und möglichst dissonant tröte, kann ich auch nicht behaupten, mein Getröte sei Teil des Konzerts. Die Störaktion war 100% destruktiv.

  2. dtr schreibt:

    Ihr Vergleich ist in schockierendem Maß ungeeignet. Ein Konzertsaal ist wie ein hermetisch versiegelter musikalischer Reinraum. Die Besucher sind kein Teil des Kunstwerks sondern müssen sich lautlos verhalten um das Kunstwerk nicht zu stören. Sie werden ab Beginn sogar ausgeblendet.
    Das ist bei einer Gastro-Installation im Freien schon mal grundsätzlich anders und z.B. ein angesäuselter Besucher der einen Fado trällert zu billigender Bestandteil.
    Eine Konzertveranstaltung ist auch irgendwie schwer in eine vergleichbar provokante Stellung zu bringen da allein die Musik und nichts sonst das Kunstwerk ausmacht. Das Austauschen der Hörner durch Vuvuzelas wäre u.A. ein Mittel. Wenn dann aber Besucher aufstehen und meutern ist das hinzunehmen, geradezu Bestandteil — Antwort auf die Provokation.

    Erlauben Sie sich für einen Moment eine Betrachtung, die auf die Spitze treibt, dass jemand in der Abbildung einer real existierenden Slum-Umgebung Champagner gegen teures Geld ausschenkt:
    Würde jemand ein KZ-Ambiente installiert haben, wo er eine Sau grillt, wäre es vielleicht auch Ihnen Anlass genug, darauf in einem Maß zu reagieren, wie es die Protestierenden taten. Und keiner würde Ihnen das Recht dazu absprechen oder Ihnen vorwerfen, sie hätten Dissonanz in das Kunstwerk gebracht, die war da schon vorher. Sie ist eine Einladung zu persönlicher Auseinandersetzung wie es im Fall ja auch eingeräumt wurde. Man wünschte sie sich nur anders.

    Eine Destruktion zu 100% bedeutet, dass vom Kunstwerk selbst nichts mehr übrig bleibt. Musik ist durch ihre Serialität (Töne auf Töne) von dissonanten Einlagen leicht bis zur Unkenntlichkeit verstümmelbar. 16 Holzhütten bleiben von Protest hingegen unberührt. Zu 100% destruktiv dagegen vorgegangen zu sein, wäre sinnlos gewesen, weil dann der Hauptgegenstand gefehlt hätte. Demonstration und Gegeninstallation konnten für sich alleine nicht existieren, sie waren auf die Vorlage angewiesen, die war Bestandteil.

  3. dtr schreibt:

    Was ist eigentlich ein „alternativer / autonomer Kuchen“, ist das sowas wie ein Topf in den man hinein wirft, wovon man glaubt, dass es mehr oder weniger dazugehört?

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