Evgeny Morozovs Zukunftsvision: «Sorry, Marcel!»

Den Magazin-Artikel über Evgeny Morozov hat der Blogger Ronnie Grob zum Anlass für eine kleine Polemik genommen: Den Journalisten, die Morozov ins Blatt gehievt haben (und allen Journalisten, die Grob als Internet-Häretiker betrachtet, d.h. die auch über negative Auswirkungen der Internet-Nutzung berichten), diesen Journalisten wirft Grob (ironischerweise ein SVP-Anhänger) vor, sie seien «konservativ». Das ist natürlich Blödsinn. Auch Morozov verwahrt sich in seinem sehr lesenswerten neuen Buch «To Save Everything, Click Here» gegen den Konservatismus-Vorwurf: «My overall project does differ from the conservative resistance. I do not advocate inaction or deny that many of the problems tackled by solutionists are important.»

Mit «Solutionists» bezeichnet Morozov technikgläubige Leute, die für jedes Problem eine technische Lösung austüfteln wollen. Den Solutionists wirft er vor, fahrlässig vorzugehen: «Solutionism reaches for the answer before the questions have been fully asked.» Dabei besteht die Gefahr, dass Probleme verschlimmbessert werden – oder dass eine «Lösung» angeboten oder aufgedrängt wird für Probleme, die eigentlich gar keine sind. Morozov zählt Beispiele auf, etwa eine videoüberwachte Küche, bei der der Computer eingreift, sobald der Koch gegen die Rezeptangaben verstösst: «We are left with better food but without the joy of cooking».

Evgeny Morozovs Buch ist eine faszinierende, sehr anregende Lektüre. Soviel ist schon nach den ersten paar Seiten klar. Er hat keine einfachen Antworten bereit wie herkömmliche Technikkritiker wie Postman oder Schirrmacher, die Reizüberflutung oder Multitasking kritisieren. Morozov lesen ist ein Stück Arbeit, was seine Breitenwirkung beschränkt, aber dafür haben seine Gedanken umso mehr Tiefgang. Er hat gründlich recherchiert, kennt sich aus sowohl bei den neusten technischen Entwicklungen wie bei den Sozialtheorien. Sehr humorvoll nimmt er die Tüftler des Silicon Valley auf die Schippe:

«Car keys, faces, factoids: We will never forget them again. No need to feel nostalgic, Proust-style, about the petites madeleines you devoured as a child; since that moment is surely stored somewhere in your smartphone – or, more likely, your smart, all-recording glasses – you can stop fantasizing and simply rewind to it directly. In any event, you can count on Siri, Apple’s trusted voice assistant, to tell you the truth you never wanted to face back then: all those madeleines dramatically raise your blood glucose levels and ought to be avoided. Sorry, Marcel!»

Evgeny Morozov: «To Save Everything, Click Here», Public Affairs 2013

Über agossweiler

Journalist
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