Im Handy begraben. Oder lieber in einer Cola-Flasche?

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Es ist rund zwei Meter hoch. Es sieht aus wie ein Handy der Marke Samsung. Täuschend echt nachgemacht. Es ist aber kein Handy, sondern ein Sarg. Hergestellt in Ghana. Ausgestellt ist das Objekt zur Zeit im Musée d’ethnographie Neuchâtel, zusammen mit einer Diaschau, die viele andere superschöne Särge zeigt. Es gibt Särge in Form von Tieren und Gemüsen, auch Autos sind beliebt. Ein besonders prächtiger Sarg ist sogar dem Centre Pompidou nachgebildet.

Im Musée erfahren wir, was es mit dem Sarghandy auf sich hat: Das Volk der Ga, das im Süden von Ghana lebt, glaubt, dass die verstorbenen Familienmitglieder auch im Grab das Schicksal der Hinterbliebenen beeinflussen können. Deshalb treiben sie einen grossen Aufwand, um ihre Liebsten in möglichst prächtigen Särgen zu beerdigen. Oft nehmen die Särge der Ga Bezug auf den Beruf der Verstorbenen. Ein Müller wird also in einem Sarg beerdigt, der aussieht wie ein Mehlsack. Oder ein Chauffeur erhält einen Sarg, der einem Auto nachgebildet ist. Auch Sprichwörter oder Totems können eine Inspirationsquelle sein. Das gewählte Sujet ist geheim bis zum Tag der Beerdigung. Dann wird der Tote in seinem prachtvollen Sarg in einer Prozession durchs Dorf getragen.

Entdeckt und fotografiert wurden die Särge der Ga von der Ethnologin Regula Tschumi, die zwischen 2002 und 2012 in Ghana forschte. Die Ethnologin hat ihre Forschungsarbeit in einem Buch veröffentlicht («Die vergrabenen Schätze der Ga», Benteli-Verlag 2006). Ich finde die Idee, individuelle Särge zu bauen, grossartig. Die Särge der Ga sind nur wenige Stunden zu sehen. Die Herstellung dauert zwei Wochen. Nach der Beerdigung sieht man sie nie wieder. Dank der bunten Sargdesigns bekommt die Beerdigung eine fröhliche Note. Und dank der ungewöhnlichen Sujets erhalten die Zuschauer einen Eindruck von der Persönlichkeit des Verstorbenen: Er ist nicht nur eine Leiche, sondern darf in einem Objekt, das einen wie auch immer gearteten Bezug zu seinem Leben hat, den Weg zum Friedhof antreten. Diese Idee gefällt mir. Enger kann man die Kunst und das Leben (oder den  Tod) nicht miteinander verknüpfen.

Die Ausstellung Hors-champs ist noch bis 20. Oktober 2013 im Musée Ethnographique Neuchâtel zu sehen.

Fotos: Regula Tschumi / Andreas Gossweiler

Über agossweiler

Journalist
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