«Freie Bürger brauchen soviel Strom wie sie brauchen»

An der Seebahnstrasse möchte ich lieber nicht wohnen. Vierspurig braust der Verkehr vorbei, unten im Einschnitt fahren die SBB ebenfalls vierspurig. Das Haus an der Seebahnstrasse 125 fällt mit seltsamen Aufschriften auf…

Die Bewohner dieses Hauses sind freie Bürger
sie brauchen soviel Strom
wie sie brauchen
Naturfreunde für Atomstrom

… steht in grossen Lettern auf der schönen Backsteinfassade. Eigentlich schade. Die blauen Buchstaben auf weissen Tafeln gereichen dem stattlichen Gründerzeitbau nicht zur Zierde. Und was will uns die seltsame Botschaft mitteilen?

Seebahn1

Fangen wir ganz oben an mit der Textanalyse: In diesem Haus wohnen freie Bürger. Aha. Das ist eine ziemlich banale Aussage. In Zürich sind alle Bürger frei, und die Bürgerinnen auch. Es gibt hier zum Glück schon lange keine Sklaven und keine Leibeigenen mehr.

Dann teilt uns die Aufschrift mit, dass «die Bewohner» (wohnen hier keine Frauen?) «soviel Strom brauchen, wie sie brauchen». Auch ein Passant, der nie Germanistik-vorlesungen besucht hat, erkennt sofort: Es handelt sich bei diesem Satz um eine Tautologie. Ein bequemer Trick, sozusagen: Eine Tautologie ist immer wahr und unwiderlegbar. Die Bewohner können nicht mehr Strom brauchen, als sie brauchen. Sie können auch nicht weniger brauchen.

Seebahn2

Zuunterst, über den Fenstern des Ladenlokals im Erdgeschoss, kommt die Auflösung: «Naturfreunde für Atomstrom». Wie das Facebook-Logo zeigt, handelt es sich um eine Facebook-Gruppe. Die Facebook-Seite zeigt ein dreistes Plagiat: ein abgewandeltes «Atomkraft-Nein-Danke»-Logo mit dem Spruch «Atomkraft Ja bitte». Zudem behauptet die Facebook-Seite, Atomstrom sei «sauber, sicher und günstig».

Wie der Tages-Anzeiger am Samstag enthüllte, gehört das Haus mit dem Atomstrom-Werbespruch dem Weltwoche-Redaktor Alex Baur. Sein tautologischer Spruch ist laut dem TA eine Reaktion auf einen (optisch wesentlich schöner gestalteten) Text an der Fassade des Hauses an der Badenerstrasse 380. Dort steht: «Die Bewohnerinnen und Bewohner dieses Gebäudes verpflichten sich, ihren gesamten, stetigen Energieverbrauch auf maximal 2000 Watt pro Person zu reduzieren.» Dieser Text, der immerhin der offiziellen, demokratisch legitimierten Politik der Stadt Zürich entspricht, hat Alex Baur offenbar so auf die Palme gebracht, dass er auf seinem Haus einen Spruch anbrachte, der zwischen einem schlechten Plagiat und einer Parodie oszilliert.

In der aktuellen Ausgabe der Weltwoche schreibt Naturfreund Alex Baur über die Aufräumarbeiten in Fukushima. Der Text erweckt den Anschein, die AKW-Katastrophe in Fukushima sei nicht besonders schlimm gewesen: «Todesopfer oder Schwerverletzte, so viel steht fest, waren bislang keine zu beklagen. Gemäss einer kürzlich veröffentlichten Studie der WHO ist auch kaum mit gesundheitlichen Langzeitfolgen zu rechnen.» Diese Aussage von Alex Baur steht in krassem Gegensatz zu neuen Schätzungen von Fachleuten, die von einem signifikanten Geburtenrückgang in ganz Japan berichten. Laut dem renommierten Physiker Alfred Körblein fehlten allein im Jahr 2011 4362 Lebendgeburten. Die Fachleute rechnen auch mit rund 38’000 Krebsfällen und rund 19’000 Krebstodesfällen wegen Fukushima. Davon steht in der Weltwoche nichts.

Fotos: Andreas Gossweiler

Über agossweiler

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4 Antworten zu «Freie Bürger brauchen soviel Strom wie sie brauchen»

  1. Markus Saurer schreibt:

    Gossweiler will den Witz der Tautologie nicht verstehen. Die Energiestrategie des Bundesrats versucht, uns in eine Situation bringen, in der wir weniger Strom verbrauchen als wir brauchen (würden) …. Rationierung!

    • agossweiler schreibt:

      Ich verstehe die Tautologie schon, weil ich den TA-Artikel gelesen habe. Ich bin aber nicht sicher, ob Passanten den Witz verstehen, die den TA nicht gelesen haben. «Sie brauchen soviel Strom wie sie brauchen» – das ist eine völlig rätselhafte Aussage, wenn man den Kontext (d.h. den Spruch an der Badenerstrasse) nicht kennt.

      Zur Energiestrategie: Die Menge des Stroms, die wir «brauchen», ist nicht unveränderlich. Nur schon mit einer besseren Effizienz der Geräte könnte man enorm viel Strom sparen, ohne dass wir auf Komfort verzichten würden. Denken Sie zum Beispiel an die vielen Geräte, die sogar im ausgeschalteten Zustand Strom verbrauchen. Zudem: Von Rationierung kann keine Rede sein. Man muss nur den Markt spielen lassen: Wenn der Atomstrom teurer wird, vergrössert sich der Anreiz für die Industrie, umweltverträgliche Energieformen zu fördern.

      PS: Die Blogadresse, die Sie eingetippt haben, funktioniert nicht.

  2. Andreas Gossweiler schreibt:

    Nein. Der Link saurer.wordpress.com führt nirgends hin

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