«Auf Twitter führen echte Menschen echte Gespräche» – echt?

Im Journo-Blog der österreichischen Zeitung «Der Standard» schreibt Daniela Kraus, Direktorin des Forum Journalismus und Medien in Wien, über «Nutzen und Nachteil des Twitterns für das Journalistenleben». Untertitel: «Eine unzeitgemässe Betrachtung». Der «passionierte Twitterer» müsse den Blogtext gar nicht lesen, so Kraus: «Er weiss, wofür er Twitter braucht und hat das Thema schon 2009 abgehandelt». Ist es wirklich so einfach? Ich persönlich twittere gerne – aber meine Meinung zu Twitter ändert sich fast jede Woche. «Abgehandelt», also zur definitiven Gewissheit geworden, ist für mich gar nichts, wenn es um Twitter geht.

Als ich zu twittern begann, konnte ich zwei- oder dreimal Themen, die ich via Twitter aufschnappte, für meine Arbeit verwenden. Via Twitter erfuhr ich zum Beispiel, dass der umstrittene Heiler Bert Hellinger in Bern auftreten würde – ausgerechnet in einem reformierten Kirchgemeindehaus. Mein Artikel, den ich für die Zeitschrift Gesundheitstipp schrieb, bewirkte, dass die Kirchgemeinde sich weigerte, ihre Räume Hellinger zu vermieten. Er trat dann im Kurhaus auf.

Das Beispiel zeigt: Twitter kann für Journalistinnen und Journalisten nützlich sein. Man sollte aber auch den Zeitaufwand und den Nutzen miteinander vergleichen. Seit dem Hellinger-Tweet warte ich vergeblich auf weitere, ähnlich interessante Offenbarungen auf dem Twitter-Kanal. Das heisst, ich warte natürlich nicht – ich finde Themen für meine journalistische Arbeit vorwiegend über andere Kanäle.

Wenn ich Daniela Kraus‘ Blogtext mit meinen eigenen Twitter-Erfahrungen vergleiche, komme ich zum Schluss, dass Kraus den Nutzen überbewertet. Sie schreibt: «Auf Twitter führen echte Menschen echte Gespräche.» Ein echt haarsträubender Satz. Zum einen tummeln sich auf Twitter vor allem Journalistinnen und Journalisten, dazu einige Kommunikationsberater, PR-Leute, Politikerinnen und Social-Media-angefressene Vertreter anderer Berufsgattungen. Das sind gewiss echte Menschen. Aber führen sie echte Gespräche? Kommt drauf an, was man unter einem echten Gespräch versteht. Unverfälschte, ehrliche, offene Botschaften sollte man auf Twitter nicht erwarten. Das ist kein Wunder nach all den persönlichen Katastrophen, die Twitterer erlebt haben wegen unbedachter Äusserungen, die sie auf Twitter publiziert hatten. Zum Beispiel ein Zürcher Finanzanalyst, der auf Twitter laut nachdachte über eine «Kristallnacht gegen Moscheen», und der seither arbeitslos ist. Er twittert immer noch, aber seine Tweets sind hinter einem Schlösschen versteckt. Oder der städtische Departementssekretär, der über Twitter veröffentlicht hatte, dass in der Rechnungsprüfungskommission einer sitze, der dort nicht sitzen dürfte. Das war interessant für Journalisten, kein Zweifel, aber für den Twitterer hatte das Tweet nachteilige Folgen. Er twittert nicht mehr.

Auf Twitter findet man viel Hickhack, politische Parolen, lustige Scherze und viel anderes. Und wenn man viel Glück hat, findet man auch ein Thema für die journalistische Arbeit. Aber unverfälschte Kommunikation von Mensch zu Mensch – «echte Gespräche» eben – findet an anderen Orten statt. Das ist auch gut so. Guter Journalismus entsteht dann, wenn man rausgeht – nicht, wenn man den ganzen Tag lang auf den Bildschirm starrt. Deshalb geh ich jetzt raus und mache einen Frühlingsspaziergang. Vielleicht treffe ich unterwegs ja echte Menschen.

Update 10.3. Das neuste Beispiel, das beispielhaft zeigt, was passieren kann, wenn auf Twitter echte Menschen echte Gespräche führen: Die FDP stört sich laut der Zeitung Sonntag an den Twitter-Aktivitäten ihrer Frauen-Generalsekretärin Claudine Esseiva: «FDP-Frauen-Präsidentin Walker Späh musste vor dem FDP-Vorstand antraben und die Twitter-Aktivitäten ihrer Generalsekretärin erklären. Dabei wurde ihr ein ganzes Bündel von Tweets vorgelegt.»

Update 20.3. Noch ein Beispiel zeigt, was passieren kann, wenn man auf Twitter echte Gespräche führt. Die Nationalrätin Jacqueline Badran schrieb vor drei Tagen auf Twitter: «Tut mir leid, dass ich das ausgelöst habe. Werde so Sachen nie mehr tweeten.» Seither ist Funkstille auf ihrem Twitterkanal. Badran hatte sich beschwert über einen Weltwoche-Journalisten, der ihr nicht geholfen habe, als sie von einem Türsteher unsanft aus einem Zürcher Club befördert wurde. Die Twittermeldung wurde für Badran zum Rohrkrepierer, nachdem bekannt wurde, dass sie im Club geraucht hatte. Künftig wird Jacqueline Badran vermutlich nur noch über Politik twittern. Was ja nicht schlecht ist, denn ihre Tweets sind oft sehr scharfsinnig. Zum Beispiel: «Die SVP widerspüchlich wie immer: Automatismus bei Ausschaffungen Ja, bei Einbürgerungen Nein. Mal so mal so.» Oder: «Breaking: Grösste UG der CH Glencore zahlt Null Franken Steuern in der Schweiz. Sagt CEO Glasenberg. Aber wir sollten stolz sein…»

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