Zwei doppelseitige Interviews im Tages-Anzeiger

mueller

Donnerstag, 31. Januar. Der Blogger Alexander Müller «kämpft um seine Rehabilitierung», schreibt der TA auf der Frontseite. Der Anriss verweist auf ein doppelseitiges Interview auf Seite 16 / 17. Mit dem Gang an die Öffentlichkeit wolle er «den Hintergrund des damaligen Tweets erläutern und andere auf mögliche Konsequenzen von Twitter-Einträgen hinweisen». Wie wenn das noch nötig wäre – die Konsequenzen sind inzwischen bestens bekannt.

Via Twitter hat Müller schon mehrmals verlauten lassen, er habe seinen Tweet nicht so gemeint. Wie denn? «Anders als in den Medien dargestellt, habe ich nie eine Kristallnacht gefordert, sondern meiner Besorgnis über den radikalen Islamismus Ausdruck verliehen», sagt Müller im doppelseitigen Interview. Was hat er nochmals getwittert: «Vielleicht brauchen wir wieder eine Kristallnacht… diesmal für Moscheen.» Damit habe er «auf mögliche Gefahren hinweisen wollen, wenn auf politischer Ebene nichts gegen den radikalen Islamismus gemacht wird: Muss wieder so etwas Schreckliches passieren, bis die politischen Verantwortungsträger endlich aufwachen?»

Anders gesagt: Wenn die Politiker die radikalen Muslime nicht aus dem Land werfen, wird sich die Stimmung im Volk dermassen aufladen, dass einige Bürger Moscheen zerstören werden, so wie vor 80 Jahren deutsche Synagogen zerstört wurden. Die meisten Moscheen werden allerdings nicht von radikalen Islamisten besucht, sondern von biederen Familienvätern.  Interviewer Res Strehle weist Alexander Müller darauf hin, dass die sogenannte Kristallnacht 1938 nicht von Wutbürgern angezettelt wurde, sondern dass es «von oben angeordneter Staatsterror» war.

Falls sein Tweet falsch interpretiert worden war, kann sich Müller an der eigenen Nase nehmen, weil er eine grosse Konfusion anrichtete – er verwechselte rassistische Ressentiments mit dem Schüren derselben. Müller behauptet: «Ich kenne die historischen Fakten.» Falls er die Fakten wirklich kennt,  hat er es dennoch fertiggebracht, sie durcheinander zu bringen.

Und die Konfusion geht weiter: Müller behauptet, «der Kreis der Leser ist auf jene Follower beschränkt, die gerade online sind.» Wer Twitter ein bisschen kennt, weiss, dass das nicht stimmt. Man braucht nicht einmal ein Twitterkonto, um mitzulesen.

Für diesen Mist räumte der TA eine Doppelseite ein. Eine Doppelseite mit lauter Worthülsen: «Bei Twitter erscheint mir problematisch, dass differenzierte Aussagen aufgrund der Begrenzung auf 140 Zeichen kaum möglich sind», gibt Müller zu Protokoll. Die Fülle von Ausreden und der Mangel an Einsicht ist deprimierend. Die NZZ berichtete einen Tag später, der TA sei von einer Anwältin veranlasst worden, sich bei Müller zu entschuldigen, weil die Interpretation, Müller habe eine neue Kristallnacht gefordert, «zu weit» gegangen sei. Ob das stimmt, kann ich nicht beurteilen. Für meinen Geschmack geht es zu weit, den Rechtfertigungsversuch des Autors auf zwei Zeitungsseiten auszuwalzen.

schroeder

Zwei Seiten schaufelt der TA normalerweise für grosse Staatsmänner frei. So wie einen Tag später für Gerhard Schröder. Der Alt-Kanzler plauderte im Interview über die Eurokrise, Angela Merkel, das Steuerabkommen und dit und dat. So muss ein doppelseitiges Interview aussehen. Die Welt ist wieder in Ordnung.

Fotos: Andreas Gossweiler

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Journalist
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