Das Märchen vom «ältesten Gewerbe»

Prostitution sei das älteste Gewerbe der Welt, hört man immer wieder. Das klingt wie eine Entschuldigung oder eine Rechtfertigung: Ein Gewerbe, das angeblich älter ist als alle anderen, kann nichts Schlechtes sein. Es ist schon fast etwas Natürliches. Jedenfalls etwas, das einem nicht zu unterdrückenden Bedürfnis entspricht.

Der Satz ist jedoch falsch, und das in mehrfacher Hinsicht. Das erfährt man im überaus spannenden Buch «Schulden» des Anthropologen und Occupy-Aktivisten David Graeber. In seinem Buch geht er den Ursprüngen des Kreditwesens nach. Dabei zeigt er auch, dass die Theorien der Ökonomen seit Adam Smith falsch sind: Die erzählen, zuerst hätten die Menschen Tauschhandel betrieben, dann das Geld erfunden und erst dann den Kredit. Graeber weist nach, dass es genau umgekehrt war: Zuerst gaben sich die Menschen Kredit, erst viele tausend Jahre später erfanden sie das Geld. Das zeigt auch die Etymologie des Wortes «Geld», das eng verwandt ist mit dem englischen Begriff «guilt» (Schuld).

Kredit war ursprünglich kein Bankkredit im heutigen Sinn, sondern ein Schuldverhältnis, das oft zur Sklaverei führte. Wer seine Schulden nicht bezahlen konnte, wurde ganz einfach verkauft. Und verlor damit alle Rechte. Für David Graeber ergibt sich daraus ein ungemütlicher Schluss:

«Wir sind zu einer Schuldengesellschaft geworden, weil das Erbe von Krieg, Eroberung und Sklaverei nie ganz verschwunden ist. Es ist immer noch da, verborgen in unseren tiefsten Überzeugungen von Ehre, Eigentum, sogar von Freiheit. Wir sehen nur einfach nicht mehr, dass dieses Erbe weiterlebt.»

Auch die Prostitution ist laut Graeber entstanden, weil Menschen – eigentlich vor allem Männer – ihre Schulden nicht mehr bezahlen konnten. Graeber zitiert die Forschung der amerikanischen Historikerin Gerda Lerner, die übrigens vor einer Woche im Alter von 93 Jahren gestorben ist. Lerner fand heraus, dass die Verarmung von Bauern eine Ursache der Prostitution war. Die Bauern sahen sich gezwungen, ihre Kinder zu verkaufen oder ihren Gläubigern als Pfand zu geben:

«Frauen wurden zu Prostituierten, weil ihre Eltern sie in die Sklaverei verkaufen mussten oder weil ihre verarmten Ehemänner sie zu diesem Zweck benutzten. Oder sie übernahmen eine selbständige Tätigkeit als letzte Alternative zur Versklavung.»

Diese Textstelle zeigt deutlich, dass das Märchen vom «ältesten Gewerbe» eine schönfärberische Fiktion ist. Frauen haben nie frei die Prostitution als Beruf gewählt, sondern schon vor Urzeiten zwangen der Kampf ums Überleben und die Verelendung Frauen dazu, Sex zu verkaufen. Oder genauer gesagt: Männer zwangen sie dazu, oft sogar ihre eigenen Väter, oder ihre Ehemänner.

David Graeber: «Schulden. Die ersten 5000 Jahre», Klett-Cotta, 2012

Update 7.12.2013 Auch die Historikerin Caroline Arni von der Universität Basel räumt jetzt auf mit dem Mythos vom «ältesten Gewerbe». In einem Artikel im Tages-Anzeiger berichtet Geneviève Lüscher über Arnis Forschung. «Die Aussage des „ältesten Gewerbes“ ist ein Allgemeinplatz, der von der heutigen Situation ablenken soll», sagt Arni laut dem TA. Offensichtlich gebe es ältere Gewerbe. Die Prostitution sei in Europa erstmals im 6. Jahrhundert v. Chr. nachgewiesen. Der Staatsmann Solon habe das erste Bordell in Athen eingerichtet, sagt die Historikerin Tanja Scheer gegenüber dem TA. In diesem Bordell arbeiteten Sklavinnen. Geneviève Lüscher schreibt: «Es ist zu vermuten, dass die Anfänge der Prostitution mit der Sklaverei in Zusammenhang stehen.»

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10 Antworten zu Das Märchen vom «ältesten Gewerbe»

  1. seminym schreibt:

    1. „P. ist das älteste Gewerbe der Welt“ finde ich ebenfalls absoluter Quatsch. (Was wären dann die Jagd, Fischerei, Landwirtschaft, etc. ?)

    2. Auch die hier gebotene Analyse taugt kaum etwas: Die Prostitution unter den grossen Menschenaffen ist damit nicht zu erklären – und von jener stammt wohl auch bei uns das ‚Gewerbe‘ ab. Sex hat für Männer einfach einen gewissen Wert – und je nach Nahrungsangebot/Jagdglück/Wirtschaftslage sind Frauen/Weibchen durchaus bereit dieses Tauschgeschäft einzugehen. – Die Frage ist bei uns einfach: Können wir ein System finden, in dem sich Frauen nicht zu diesem Schritt gezwungen sehen (btw. sind sie bei uns ja nicht – fürs Lebensminimum wird gesorgt – sogar für Männer); und weiter: Wenn sich niemand – ums nackte Überleben – dazu gezwungen ist, soll man es dann auch für alle anderen verbieten (also jenen die sich freiwillig – ohne Not – dafür entscheiden [so es das gibt]) ?

    • agossweiler schreibt:

      1. gibt es bei Affen keine Prostitution, nur beim homo sapiens. 2. sind Frauen nicht einfach so, aus freien Stücken, «bereit, auf das Tauschgeschäft einzugehen», sondern sie machen es nur dann, wenn sie dazu gezwungen werden, sei es von Männern oder von wirtschaftlicher Not. Das zeigt das Buch von David Graeber eindrücklich. Es ist ein Märchen, oder direkter gesagt, eine Lüge, zu schreiben, «fürs Lebensminimum werde gesorgt». Auch in Europa zwingt wirtschaftliche Not die Frauen in die Prostitution. Keine einzige Frau prostituiert sich aus Plausch.

  2. agossweiler schreibt:

    Eine Einladung zum Essen ist nicht gleichzusetzen mit Prostitution.

    • seminym schreibt:

      Stimmt auch – ich erinnere mich vage an die Diskussion. Diese Position ist aber auch etwas zu vereinfacht: Man spricht den Tieren schlicht ab, dass auch andere Leistungen an Stelle von Geld als Zahlungen fungieren könn(t)en – was gerade bei Primaten, die Konzepte des Tauschhandels sehr wohl verstehen, sicher falsch ist. Dennoch muss ich zugeben, dass sich dies wahrscheinlich auf einen äusserst kleinen Kreis der Tierwelt beschränkt und auch so nur ungenau mit „Prostitution“ beschrieben wird.

      Man könnte nun einfach den Prostitutionsbegriff weiter fassen und auch wirtschaftliche Komponenten einer „normalen“ Beziehungsanbahnung so bezeichnen (was ist die „klassische Familie“ anderes als eine sich für den Lebensunterhalt prostituierende Frau?) – das führt aber kaum zu etwas.

      Lieber möchte ich mit einem (vom Kulturpessimisten Gossweiler sicherlich für „platt“ und „misogyn“ befundenen) heiteren Fundstück schliessen: http://i.imgur.com/KTCLoQt.jpg

      • agossweiler schreibt:

        Das Missverständnis ist immer noch das Gleiche: Eine Einladung ist nicht Prostitution. 1) interessieren sich Frauen genauso für Sex wie Männer. Und 2) ist eine Einladung kein Tauschgeschäft, sondern höchstens der erste Schritt zu einem engeren Kontakt. Die Einladung zum Essen berechtigt den Mann keineswegs zum Sex, im Gegensatz zum Preis, den der Freier der Prostituierten bezahlt.

  3. Pingback: Besuch im Puff ≠ männliche Sexualität | SILVER TRAIN

  4. Hotcha schreibt:

    Ich staune ganz einfach, wie ein Anthropologe so genau wissen kann, was vor 5000 Jahren so los war. Ich hoffe doch, er hat seine Erkenntnisse etwas weniger apodiktisch formuliert, als es hier im Blog resümiert wird. Auch das ‚fand heraus‘ der Gerda Lerner kommt mir etwas spanisch vor. Ehrlicherweise muss man doch einfach sagen, dass solche Behauptungen über die Verhältnisse in der Steinzeit mit grösster Vorsicht zu geniessen sind und viel spekuliert werden muss, will man zu solch eindeutigen Aussagen kommen.
    Die Versuchung, sich die Geschichte passend zu machen, ist in solche weichen Wissenschaften unübersehbar.

    • agossweiler schreibt:

      Hotcha > Weich ist nicht die Anthropologie, sondern deine Kritik daran. Wer wissenschaftliche Erkenntnisse kritisieren (passend machen?) will, muss klare Befunde präsentieren, nicht bloss Vermutungen. Einfach mal so auf die Schnelle namhaften Forschern wie Graeber und Lerner Unwissenschaftlichkeit zu unterstellen, ist doch etwas billig. Graebers Originaltext kann ich im Moment nicht zitieren, weil ich das Buch ausgeliehen habe. Graebers Argumentation ist jedoch sehr plausibel. Denn niemand verkauft seinen Körper freiwillig.

  5. Pingback: FIschIsmus » Blog Archive

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