«Auf Twitter wird man gefälliger oder provokanter, als man eigentlich ist»

Jaron Lanier könnte so etwas wie der Messias der Internet-Gläubigen sein. Er hat sich schon früh als Theoretiker und Unternehmer mit dem Internet auseinander gesetzt. Dennoch hat er sich einen erfrischend kritischen Blick bewahrt. Das beweist er in einem Interview mit dem Internet-Portal futurezone.at. Was er sagt, steht in einem schroffen Kontrast zu vielen Glaubenssätzen der Internet-Apostel, die lieber zum hundertsten Mal unreflektiert die Dogmen eines Jay Rosen herunterbeten, als sich mit den anregenden Denkansätzen von Jaron Lanier auseinanderzusetzen.

Im Interview erklärt Jaron Lanier zunächst, warum die Idee des Gratis-Internets falsch ist. Er knüpft an beim Internetpionier Ted Nelson:

«Seine ursprüngliche Vision war es ja, dass Leute digitale Inhalte gemeinsam wieder- und weiterverwenden können, gewissermassen also genau das, was heute geschieht. Allerdings war in seiner Idee immer ein Micropayment-System mitgedacht. Sodass Geld zu jenen Leuten fliessen würde, die etwas beigesteuert haben. Auf diese Weise würde die Informationswirtschaft eine Erweiterung der Gesamwirtschaft bilden und den Mittelstand unterstützen.»

Doch die dogmatische Idee, dass im Internet alles gratis sein muss, die Leute wie die Piraten mit verbissenem Eifer vertreten, ist falsch, wie Lanier erklärt:

«Wenn wir nun sagen „Information ist kostenlos“, wird die Wirtschaft immer weiter schrumpfen, weil immer mehr Teile der Wirtschaft in die Informationswirtschaft übergehen.»

Spannend ist auch, was Jaron Lanier zu Social Media sagt. Auch hier hat er einen nüchternen Blick und sieht nicht nur die Vorteile, sondern auch die Gefahren:

«Worüber ich mich sorge, ist, dass vieles am Social Web ein proto-faschistisches Phänomen sein könnte. Man sieht ähnliche Grundzüge, wo sich Leute in bestimmte Kategorien zwängen. Und sie lernen sich nach bestimmten Mustern zu verhalten, die ihnen vorgegeben werden. Außerdem tendieren die Leute in sozialen Netzwerken dazu, sich um andere zu scharen, die ihnen ähnlich sind.»

Wer sich in Internetforen umschaut, egal zu welchen Thema, wird Jaron Laniers Analyse bestätigt finden. Das typische Internetforum ist weniger ein Ort, wo Leute Neues erfahren möchten, sondern eher ein Hort der Konformität, wo Gleichgesinnte Bestätigung suchen und oft aggressiv reagieren auf divergierende Meinungen.

Jaron Lanier kann deshalb dem internet-religiösen Dogma, wonach das Internet die Demokratie fördere, wenig abgewinnen:

«Vor allem, wenn wir gerade hier in Wien sitzen und uns die Geschichte vor Augen halten, müssten wir begreifen, dass das gefährlich ist. Es ist geradezu das Gegenteil von Demokratie.»

Auch zu den psychologischen Auswirkungen der Social Media hat sich Jaron Lanier Gedanken gemacht:

«Warum ich Twitter nicht nutze, hat einen anderen Grund: Es bringt nicht unbedingt das Beste in mir hervor, wenn ich das Gefühl habe, ich muss meine Follower in Echtzeit unterhalten. Was passiert ist folgendes: Man wird entweder gefälliger oder auch provokanter als man eigentlich ist.»

Laniers Analyse ist scharfsinnig. Die Ereignisse der jüngsten Vergangenheit zeigen, dass Lanier recht hat: Immer wieder stolpern Leute über unbedachte Äusserungen, die sie auf Twitter oder Facebook veröffentlicht haben. Im wirklichen Leben sind diese Leute vermutlich ganz umgänglich. So gesehen, bildet Twitter nicht das wirkliche Leben ab, sondern verstärkt auf eigenartige Weise gewisse Tendenzen, entweder die Tendenz zur Konformität oder die Tendenz zur verbalen Aggression. Jaron Lanier hinterfragt ein weiteres Dogma der Digital-Religiösen:

«Es gibt immer zwei Versionen einer Person auf Facebook: Eine, die man sehen kann, das betrifft alles, was geteilt wird. Und dann gibt es eine andere, die tatsächlich das Leben beeinflusst, die bestimmt, welchen Job man ergreift, mit wem man sich trifft, welche Kredite man aufnimmt. Diese Version sieht man aber nie, die ist verborgen. Im Grunde ist es so: Man teilt, was nicht wichtig ist. Aber was wichtig ist, wird nicht mit einem geteilt

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