Realitätsverlust

Heute morgen um 10.25 Uhr erhielt Christoph Mörgeli, Chef des Medizinhistorischen Museums der Universität Zürich, die Kündigung. Ein gespenstisches Schauspiel, das fast drei Wochen lang dauerte und mit der Enthüllung der Vorwürfe gegen Mörgeli durch den Tages-Anzeiger begonnen hatte, geht damit zu Ende.

Dass der von der Kündigung Betroffene nicht glücklich ist über den Verlust seiner Arbeitsstelle, ist verständlich. Erstaunlich ist aber, über wie viele Kanäle der von Mörgeli erhobene Vorwurf des Mobbings gegen ihn übernommen und vervielfältigt wird:

Konservativ gesinnte Twitterer beschreiben die Kündigung ein ums andere Mal als «Mobbing»-Fall – ohne Beweise für den Vorwurf zu nennen;

die Kantonsratsfraktion der SVP wirft der parlamentarischen Aufsichtskommission vor, den Fall Mörgeli zu verschleppen, weil die Kommission nicht sofort entscheiden will, ob sie eine Untersuchung einleiten will;

die Weltwoche unterstellt der Universität gestern in der Titelgeschichte, die Entlassung habe «politische Ursachen» gehabt und sei «von langer Hand geplant» gewesen. Diese Unterstellungen versucht die Weltwoche zu belegen, indem sie eine Stelle im Akademischen Bericht zitiert, in der es heisst, die Zusammenarbeit mit Kollegen aus anderen Fachgebieten werde «vermutlich aus politischen Gründen verweigert». Diese Passage gilt für die Weltwoche als endgültigen Beleg, dass Mörgeli nur wegen seiner politischen Gesinnung die Kündigung erhielt. Dies, obwohl der Uni-Rektor erklärt hatte, dass der Akademische Bericht gar nicht massgebend war für die Kündigung;

eine einigermassen gruselige Nummer bot der Geschasste in der gleichen Nummer der Weltwoche, indem er sich in seiner eigenen Kolumne als «hinterhältig gefoulter Stürmer» darstellte und öffentlich selber bemitleidete.

Einen «Katalog der Desinformationen» stellte Magazin-Autor Daniel Binswanger schon vor einer Woche im Magazin-Blog zusammen. Binswanger erwähnt unter anderem Mörgelis «frei erfundenen Vorwurf», sein Chef habe ihm das Gespräch verweigert, und auch die Idee, die Kündigung sei nicht aufgrund wissenschaftlichen Ungenügens ausgesprochen worden. Dass so viele Menschen den Mobbing-Vorwurf unbesehen übernehmen, ohne die Fakten zu prüfen, finde ich schade. Die massive Stimmungsmache der SVP schadet nicht nur der Universität, sondern auch dem politischen Betrieb. Das konsequente Beharren auf dem Mobbing-Vorwurf entgegen der offensichtlichen Faktenlage nimmt, je länger das Spektakel andauert, Züge eines fortschreitenden Realitätsverlustes an.

Dabei wäre es sehr einfach, die Fakten sachlich zu beurteilen. Das Medizinhistorische Museum ist fast täglich geöffnet. Bei meinem Besuch vor zwei Wochen war es fast menschenleer. Statt ein ums andere Mal unbesehen Mörgelis Mobbing-Vorwürfe zu verbreiten, sollten die SVP-Sympathisanten seine Arbeit genauer anschauen und mit der inzwischen bekannten Kritik abgleichen. Und dann selber beurteilen, wie viel vom Mobbing-Vorwurf noch übrig bleibt.

Fotos: Andreas Gossweiler

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