Nochmals: Journalisten und Blogger

Mein Blogpost über die fragwürdigen Manipulationsversuche von Bloggern im Umfeld der neuen Zeitschrift mag20 löste eine Debatte unter mag20-Autorinnen und -Autoren aus – jetzt auch auf der Seite mag20.ch. Dort hat Thinh-Lay Bosshart einen Artikel publiziert, in dem sie meine Kritik aufnimmt:

«Der Journalist Andreas Gossweiler fragt in seinem Blog beispielsweise, „ob die Beiträge gedruckt werden, deren Autoren die meisten Freunde mobilisieren können, oder die Texte, die den Lesern am besten gefallen, so wie das Bucheli vorschwebt.“ Die Möglichkeiten einer Manipulation seien vielfältig. Gossweilers Frage scheint berechtigt.»

Thinh-Lay Bossharts Text hat mich positiv überrascht. Ich bin es mich ja eher gewohnt, dass meine Argumente von internet-euphorischen Menschen in der Luft zerrissen werden. Bossharts differenzierter Approach ist in diesem Kontext ein sehr erfreuliches Novum. Interessant und gut begründet ist auch Thinh-Lays Hinweis auf die unterschiedlichen Arbeitsweisen von Bloggern und Journalisten, die ihre Texte fürs 20mag zur Verfügung stellen. Man sieht, dass Bosshart weiss, wie Journalisten arbeiten:

«Der Journalist recherchiert und plant, wie die Aussage seines Textes lauten soll; diesen roten Faden darf er nicht verlieren. Er schreibt, formuliert um, legt seinen Text im Idealfall jemandem vor, der das Geschriebene gegenliest. Die Redaktion redigiert und korrigiert den Artikel und schleift so lange am Text, bis alle holprigen Stellen – egal ob sprachlich oder inhaltlich – beseitigt sind. Erst dann ist der Beitrag druckreif. Dieser ganze Prozess entfällt bei Mag20.»

Leider sind die Kommentare weniger differenziert. Es dauerte nicht lange, bis Blogger wutschnaubend protestierten:

«Die Implikation, dass nur Journalisten ihre Artikel durchdenken, organisieren, umschreiben, neuschreiben und gegenlesen lassen, Blogger hingegen einfach einen emotionales Auskotzen praktizieren und dann auch noch publizieren, ist unpassend und unnötig überheblich.»

Der aggressive Tonfall des Kommentars macht deutlich, dass die Autorin keinen Widerspruch wünscht. Nur schon die Erwähnung der unterschiedlichen Arbeitsweise von Bloggern und Journalisten ist für die Kommentatorin «überheblich». Dennoch muss ich sagen: Die Kommentatorin irrt. Es ist eine Tatsache, dass Blogger und Journalisten anders arbeiten. Überheblich wäre nur, diesen Unterschied zu bestreiten. Eigentlich glaubte ich ja, die Blogger-vs-Journi-Debatte sei vorbei. Die Debatte im 20mag zeigt, dass dem nicht so ist.  Deshalb möchte ich hier wieder einmal summarisch einige Unterschiede der Arbeitsweise von Journalisten und Bloggern in Erinnerung rufen:

– Journalisten besprechen Themenvorschläge im Team. Der Chefredaktor entscheidet letztlich, was in welcher Form ins Blatt kommt.
Blogger schreiben spontan drauflos. Sie sind nur sich selber verpflichtet, niemand hindert sie am Schreiben.

– Journalisten sprechen mit vielen Experten, Betroffenen, Behörden und Mediensprechern, bevor sie einen Text schreiben.
Blogger verzichten weitgehend darauf, andere Leute in ihren Texten zu zitieren (abgesehen von Autoren, deren Texte sie irgendwo gefunden haben). Sie geben mit Vorliebe ihre eigene Meinung zum besten.

– Die Texte, die ich als Journalist schreibe, werden von zwei bis drei Redaktionsmitgliedern gegengelesen und zwei bis dreimal überarbeitet, bevor sie ins Layout wandern. Die Redaktionsmitglieder wurden geschult, auf welche Punkte sie beim Gegenlesen achten müssen. Nachher überarbeitet eine Produzentin den Text, und der Korrektor schaut auf korrekte Grammatik.
Blogger sind ihre eigenen Gegenleser, Produzenten und Korrektoren in Personalunion, aber ohne die Fachkenntnisse der professionellen Gegenleser, Produzenten und Korrektoren.

Es gäbe noch viele weitere Unterschiede. Die erwähnten Punkte zeigen genug deutlich, dass Blogger und Journalisten nicht gleich arbeiten. Natürlich hat das auch Auswirkungen auf die Qualität, denn Journalisten betreiben das redaktionelle Gegenlesen ja nicht als Selbstzweck. Natürlich kommen die Qualitätsunterschiede im mag20 unerbittlich zum Ausdruck, das Texte von Bloggern und Journalisten nebeneinander abdruckt.

Über agossweiler

Journalist
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4 Antworten zu Nochmals: Journalisten und Blogger

  1. der Muger schreibt:

    Es ist doch ganz einfach: Journalisten schreiben für andere, Blogger für sich.

    liebe Grüsse vom Muger

  2. Für jemanden, der gelesen werden möchte, ist die Anzahl an Lesern sicher ein wichtiges Kriterium, und möglicherweise möchte man ja auch gerne Feedback. Eine Zeitung geht schlichtweg ein, wenn sie sich nicht verkaufen kann. Gibt es eine Zeitung, die nur hochwertige Beiträge hätte, die länger als – sagen wir mal – 1 Monat existiert hat? Anders gesagt: der Erfolg einer Publikation muss nicht zwingend mit ihrer Qualität zu tun haben, sondern eher damit, ob sie viele Leser anspricht. Ob jetzt was gedruckt ist oder nicht, spielt für mich überhaupt keine Rolle. Ich sehe das eher als anachronistischen Standesdünkel der schreibenden Zunft – man muss sich wohl an etwas festhalten, dass einem langsam aber sicher auch den Händen gleitet.
    Ein Blogger, der für sich selber schreibt, ist völlig frei von der Sucht nach Publizität – ich kann mir aber dann keinen Grund vorstellen, weshalb man seine privaten Gedanken ins Internet stellen sollte.

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