Twitter: A quoi bon?

Um Twitter zu verstehen, müsse man selber twittern, sagt man. Da ist etwas dran. Seit etwa zweieinhalb Jahren habe ich ein Twitterkonto, ich habe also die Lizenz, um über diesen Social-Media-Kanal zu reden.

Bevor ich zu twittern begann, zweifelte ich am Nutzen von Twitter. Zweieinhalb Jahre und viele Tweets später bin ich wieder am gleichen Punkt. Wenn ich an Twitter denke, überkommt mich ein zwiespältiges Gruseln. Zweifellos kann man auf dem Kanal viel Gewitztes und auch manchmal recht Kluges lesen, ich lernte dabei sympathische Menschen kennen und stiess auf spannende Bücher und viel Schönes mehr.

Doch eben so oft habe ich mich in letzter Zeit auf Twitter gelangweilt oder geärgert. Quantitativ überwiegen alberne Witzchen und selbstreferenzielle Aussagen:

«Hab ja früher auch ganz schön viel gekifft.» – «Und, wie war das so?» – «Weiss gar nicht mehr…»

oder:

«Foursquare ist eine tolle Möglichkeit, Menschen zu treffen, die mich mit ihren Check-ins bei Twitter nerven, und sie dann zu erschiessen.»

oder vor Zynismus triefend:

«Walter-Borjans hat CDs gekauft und Bankgeheimnis verletzt. Er ist heute in der Arena. Handeln unsere Staatsanwälte nur bei Blocher?»

Das Dumme dabei ist, dass ich mir nicht mal sicher bin, ob meine eigenen Tweets teilweise nicht ebenso albern sind. Das Tückische an Twitter ist, dass es als Hybridmedium funktioniert: Man schreibt die Tweets so spontan, wie wenn man mündlich kommuniziert, sie sind aber im ungünstigen Fall ewig lange lesbar. Die Wahrnehmungsdauer entspricht nicht den auf den Moment ausgerichteten Absichten, mit denen sie geschrieben wurden.

Da ist es doch ein schöner Trost, dass die Twittersphäre nicht nur aus den Deutschschweizer Twitterern besteht. Der Blick nach Westen wirkt auf mich immer wieder erfrischend. Da finden sich kleine Twitterkunstwerke:

«Un caillou ça peut ruiner une carrière. #Varone #caillougate»

Auch die Nachricht zum vorzeitigen Abbruch von Agata Oleks Kunstaktion in Martigny erreichte mich über Twitter. Ein wahres Twittermeisterwerk, eine kleine Reportage, verteilt auf mehrere Tweets:

«Voici donc Agata Olek emballant le Minotaure.» – «A ce moment, coup de fil au Président qui demande d’enlever ce truc. Respectez Erni voyons.» – «Peu de temps après, apprenant la notoriété mondiale d’Olek, permission est donnée de conserver l’habit pour le minotaure.» – «Trop tard… tout avait été enlevé…»

Ich werde also Twitter weiterhin einschalten mit einer Mischung aus Gruseln und freudiger Erwartung. Warum einige Social-Media-Apostel Twitter als unentbehrlichen und unübertroffenen Nachrichtenkanal apostrophieren, dank dem man besser informiert sei als mit allen anderen Medien, bleibt mir weiterhin schleierhaft.

Über agossweiler

Journalist
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