Michèle Binswangers Koffer und der «neue Mann»

Michèle Binswanger kann gut schreiben, hat das Herz auf dem rechten Fleck und auch sonst ganz viele Qualitäten. Ihr Artikel über den Twitterer @Dailytalk löste einiges aus – und das gelingt Journalistinnen und Journalisten selten. Also: Chapeau. Ihre Texte gefallen mir viel besser als diejenigen der Namensvetterin Michèle Roten. Im Zweifelsfall liegen meine journalistischen Sympathien jederzeit bei Binswangers Texten, nicht bei Rotens Elaboraten.

Dennoch möchte ich hier kurz öffentlich darüber nachdenken, warum mich beim Lesen von Binswangers neustem Text «Der Mann, den ich will» für Die Zeit ein leichtes Unbehagen befiel. Im Einstieg berichtet Michèle darüber, wie sie mit einem schweren Koffer einen Bus bestieg und ein Mann ihr helfen wollte. Sie lehnte ab mit den Worten «geht schon» und hievte den Koffer selber in den Bus. Darauf machte sich die Journalistin Vorwürfe, weil sie glaubte, den Mann beleidigt zu haben, weil sie seine Hilfe abgelehnt hatte.

Was hat das Erlebnis im Bus mit der Diskussion über Geschlechterrollen zu tun? Es ist doch normal, dass ein Mann einer Frau Hilfe anbietet beim Gepäckstemmen. Ganz einfach darum, weil man als Mann annimmt, dass eine Frau vielleicht froh darum sein könnte. Wenn aber die Frau ihren Koffer lieber selber stemmt, ist das auch in Ordnung. Ich wäre deswegen nicht beleidigt.

Was mir etwas sauer aufstiess, war der «amerikanische Autor Joel Stein», den Binswanger als Kronzeugen auffährt. Er empfiehlt Männern, zu campieren, sich «mit anderen Männern über Alkohol zu verbrüdern» und ähnlichen Stumpfsinn. Es wundert mich nicht, dass Binswangers männliche Bekannte auf ihre Frage, ob es heute «komplizierter sei, ein Mann zu sein», gleichgültig reagiert haben. Auf diese Art wurde schon zu oft über Männerrollen diskutiert, als dass man damit noch neue Einsichten gewinnen könnte.

Dazu die schreckliche Bildwahl: Ein junger Mann sendet einen lüstern-leeren Blick unter seiner Camouflage-Kapuze hervor, den Mund verwegen halb geöffnet, den Bart so aalglatt-mikrometerscharf geschnitten, wie ich es nie im Leben fertigbrächte (und auch nicht fertigbringen möchte), die Wangen faltenfrei wie ein Babypo… einfach grauenhaft. OK, für die Bildwahl kann Michèle Binswanger nichts. Das Bild könnte höchstens einen Hinweis darauf geben, was den verantwortlichen Redaktoren (sicher männlichen Geschlechts) ungefähr vorschweben mochte, als sie den Auftrag für den Text herausgaben. Aber das wäre Spekulation.

Was kann man heute noch über Geschlechterrollen sagen, das nicht schon tausendmal gesagt wurde? Ich weiss es auch nicht, es ist auch nicht mein Spezialthema. Binswanger schreibt, der «neue Mann» (der schon seit 30 Jahren gefordert wird, der also nicht mehr so neu sein kann, aber egal), also der neue Mann soll «weder Macho noch Cowboy» sein, sondern «Gentleman, für den Benehmen und Leistung zählen.» Das klingt gut, aber was ist neu an diesen Eigenschaften?

Was mir nicht nur ein leichtes, sondern ein mittelschweres Unbehagen verursachte, war Markus Theunerts programmatischer Blogtext, den er nach seinem Rausschmiss bei der Gleichstellungsstelle für den TA-Politblog schreiben durfte. Theunert bilanziert: «Viele Männer und Frauen sind dem Benachteiligungsdiskurs der 80er- und 90er-Jahre entwachsen.» Sie würden sehen, dass «sowohl Mannsein wie Frausein bestimmte Vor- und Nachteile hat, die nicht so leicht gegeneinander abgewogen werden können.» Man müsse nicht Männer bekämpfen, sondern das System. Nur: Wer hat denn das System geschaffen, und wer verteidigt seine heutige Form?

Ich glaube, hier liegt der Hase (oder ein Hase) im Pfeffer und weniger bei der Frage, wer den Koffer tragen soll.

Über agossweiler

Journalist
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