Walliser Suonen (Teil 2): Vallée de la Liène

Die Suonen der tief eingeschnittenen Liène-Schlucht sind nicht nur nützliche Wasserleitungen: Sie gaben auch Stoff ab für spannende Sagen. Diese Geschichten zeigen, wie kostbar das Wasser im trockenen Wallis war.

In der Schlucht sieht man Spuren einer uralten Wasserleitung, der Bisse des fées. Diese legendäre Suone soll von Feen gebaut worden sein – unter der Bedingung, dass die Bürger von Lens darauf verzichten, die Glocken zu läuten, wenn das erste Wasser durch die Suone fliesst. Die Leute von Lens konnten vor Freude aber nicht aufs Glockenläuten verzichten. Zur Strafe zerstörten die Feen die Wasserleitung wieder.

Eine andere Suone heisst Bisse de la Riouta. Der Name stammt von einem Streit zwischen den Gemeinden Ayent und Lens: Beide wollten das Wasser der Liène auf ihr  Territorium abzweigen. Aber die Leute von Ayent befürchteten, dass für sie zuwenig übrig bleiben würde. Ein Zweikampf zwischen einem Bürger von Ayent und einem Einwohner von Lens sollte den Streit entscheiden. Der Mann von Lens gewann den Kampf, indem er den Ayentot mit einer Schlingpflanze, einer «Riouta» überwältigte und in die Liène warf.

Bisse de Sillonin

Auf beiden Seiten der Liène-Schlucht laden kilometerlange Suonen zu gruseligen Wanderungen. Die untersten Wasserleitungen, die Bisse de Clavau und die Bisse de Sillonin, leiten das Wasser der Liène auf die Rebberge auf beiden Seiten der Schlucht. Spektakulär ist die Bisse de Sillonin: Sie durchquert eine mehrere hundert Meter lange steile Felswand – immerhin mit einem Geländer gesichert.

Grand Bisse de Lens

Sehr schön ist die Wanderung entlang der Grand Bisse de Lens. Sie führt unterhalb von Lens um den Hügel Le Châtelard herum, wo die Wanderer erstmals in den Genuss von ausgesetzten, felsigen Passagen kommen. Auch weiter hinten in der Schlucht gehts durch steile Felswände – ohne Geländer, nur mit einem bergseitig montierten Seil, an dem man sich festhalten kann.

Bisse du Ro

Die gruseligste Suone ist die Bisse du Ro. Sie führte früher Wasser aus dem Ertentse-Tal zum Plateau von Crans. Wer dem Verlauf der ehemaligen Suone entlang geht, begreift sofort, warum die Bauern von Crans die Wasserleitung durch einen Tunnel ersetzt haben. Passagen in überhängenden Felswänden wechseln sich ab mit steil abfallenden Couloirs. Eine der eindrücklichsten Suonenwanderungen.

Bisse d’Ayent

Auch auf der rechten Seite des Liène-Tals führt die Bisse d’Ayent durch gefährliche Felswände. Die Wanderung beginnt bei der Postautohaltestelle «Café du Lac» oberhalb Arbaz. Der «Lac» ist ein idyllischer Speichersee namens Etang Long auf 1300 Metern Höhe. Zuerst führt die Wanderung durch ruhige Wälder und Wiesen. Happig war die Durchquerung der steilen Felswand im wilden Tal des Torrent Croix. Hier floss das Wasser durch einen hölzernen, an der Felswand aufgehängten Kanal. Seit 1831 wurde die gefährliche Passage mit einem Tunnel entschärft, durch den der Wanderweg führt. Der hölzerne Kanal ist immer noch sichtbar und sehenswert. Damit nicht genug, musste die Bisse d’Ayent einige Kilometer talaufwärts noch eine zweite gefährliche Felswand durchqueren, die Paroi des Follés. 200 Meter über der Liène wurde die Suone in einem gemauerten Kanal durch die Felsen geführt. Der hintere Teil der Bisse d’Ayent wurde aufgegeben, das Wasser kommt heute durch einen Stollen aus dem Stausee Lac de Tseuzier. Wandern kann man aber immer noch durch die Paroi des Follés. Vorausgesetzt, man ist schwindelfrei.

Dreihundert Meter höher führt auch die Bisse de Sion durch die gewaltige Felswand der Follés. Zwischen 1901 und 1903 wurde dieser Kanal mit grossem Aufwand durch die Felsen gesprengt. Die Bisse de Sion wurde gebaut, um Wasser aus dem Liène-Tal in ein anderes Flüsschen, die Sionne, zu leiten. Tausend Meter weiter unten bewässert dieses Wasser die Weinberge der Stadt Sion. Anfang des 20. Jahrhunderts waren die technischen Möglichkeiten für den Suonenbau besser als zuvor, deshalb führt die Bisse de Sion nicht aussen am Fels durch, sondern wurde in Tunnels durch den Berg geführt. Das Begehen dieser Tunnels ist nicht zu empfehlen. Sie sind eng und feucht, und der längste Tunnel ist nicht durchgehend begehbar, er endet in einer schmalen Röhre. Die Bisse de Sion führt nur im Juli und August Wasser, wenn das natürliche Volumen der Sionne nicht ausreicht für die Bewässerung der Sittener Reben.

Fotos: Andreas Gossweiler

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