Medienkritik im Internet

Die überregionalen Tageszeitungen, die vor zehn oder zwanzig Jahren regelmässige Medienkritik pflegten, verzichten heute weitgehend darauf, mit Ausnahme der NZZ. Im Internet wird dafür fleissig über Medien geschrieben – in Blogs oder auch in blogähnlichen Gefässen wie medienwoche.ch oder medienspiegel.ch. Mein Hunger nach kritisch hinterfragendem Medienjournalismus wird von diesen Gefässen jedoch selten gestillt. Ein ums andere Mal beten ihre Autoren das Loblied des Internets herunter: Dank dem Internet ist die Information besser und vielfältiger als jemals zuvor. Weil die Verfechter dieser These so fest daran glauben, lassen sie keinen Widerspruch zu. Wer eine andere Meinung vertritt, wird reflexartig kritisiert und der Lächerlichkeit preisgegeben. Mit unvoreingenommenem Journalismus hat das wenig zu tun, dafür umso mehr mit einem Blick auf die Welt durch vorgefertigte Denkschablonen. Einige Beispiele, die mir heute aufgefallen sind:

Die Medienwoche stimmte vorgestern ein Loblied auf internationale Titel wie den «Economist» an. Nick Lüthis These: «Noch nie gab es ein so reichhaltiges und leicht verfügbares Angebot an internationalen Medien. Wir können uns jederzeit und überall umfassend über das Weltgeschehen informieren.» Wenn aber ein Kurt Imhof am Radio auftritt und kritisiert, die Schweizer Medien würden die Auslandberichterstattung vernachlässigen, passt das nicht zu Lüthis Weltbild. Zumal Imhof ja schon früher den Online-Journalismus kritisch untersucht hat, was bei den Internet-Euphorikern schlecht ankam. Also hängt Lüthi Imhof «einen Hang zur Dramatik» an, bezeichnet die Sendung, in der Imhof auftrat, abschätzig als «Blockgottesdienst» und Imhof als «Pessimisten» und wirft ihm vor, die Vergangenheit des Auslandjournalismus zu «verklären». Belege für die These, dass die Information heute dank internationalen Titeln besser sei als früher, finde ich im Text der Medienwoche nicht. Und Gegenargumente wischt Lüthi für meinen Geschmack allzu schnell vom Tisch. Wenn Imhof zu bedenken gibt, bei der Lektüre von Titeln wie dem Economist handle es sich um einen «schmalen Elitekonsum», entgegnet Lüthi flugs, das sei schon immer so gewesen. Was natürlich nicht den Tatsachen entspricht: Die Berner Zeitung können alle lesen – den Guardian nur, wer gut englisch kann.

Heute liefert Nick Lüthi ein zweites Müsterchen von Medienkritik entlang vorgefertigter Schablonen. Er wirft den Sonntagszeitungen vor, sie würden bei Twitter «vor allem von Risiken und Gefahren» schreiben statt von «Chancen». Der Vorwurf klingt, wie wenn er von der PR-Abteilung der Firma Twitter, Inc. formuliert worden wäre. Wenn alle Sonntagszeitungen heute über Twitter schreiben, geschieht dies ja vor dem Hintergrund der gehäuften Affären um die Twitterer Dailytalk, Morganella und andere Zeitgenossen, die im Umgang mit dem sozialen Medium sich selber schadeten, weil sie mit dessen inhärenten Mechanismen nicht adäquat umgehen konnten. Auch hier zeichnet sich das gleiche Dogma ab: Internet-basierte Medien sind von vornherein ein Segen und nichts anderes, weil der Autor daran glaubt, und Kritik ist nicht erwünscht.

Auch der Medienspiegel hackte in den vergangenen Tagen in die gleiche Kerbe. Als Verleger Norbert Neininger die Einführung von Paywalls lobte, bedachte ihn der Medienspiegel umgehend mit dem Schmähwort «Google-Killer». Mit den Argumenten eines «Google-Killer» muss man sich gar nicht mehr auseinandersetzen. Einen interessanten Kontrapunkt zu den aktuellen Vorgängen in der Medienwirtschaft setzte der Medienspiegel zudem am 11. Juli: Er titelte «Online rechnet sich» – ausgerechnet an dem Tag, an dem bekannt wurde, dass dem eingangs erwähnten Guardian bald der finanzielle Schnauf auszugehen droht.

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2 Antworten zu Medienkritik im Internet

  1. Nick Lüthi schreibt:

    Ich würde mit dem Vorwurf der Denkschablonen etwas zurückhaltender umgehen, nur allzu schnell fällt er auf dich selbst zurück. Wie du meine Artikel wiedergibst, könnte man auch als schablonenhaft und entlang vorgefasster Meinungen bezeichnen. Aber ich erkläre dir (und den Leserinnen und Lesern dieses Blogs) gerne ein zweites Mal und etwas knapper, worum es in meinen Texten geht.

    -Auslandjournalismus: Wenn Titel wie Die Zeit, Der Spiegel oder Economist und ihre Online-Ableger in der Schweiz auf ein nicht eben geringes (und immer grösseres) Publikumsinteresse stossen und gleichzeitig die einheimischen Medien ihre Auslandberichterstattung herunterfahren, dann kann man die Frage stellen, ob und wie das eine mit dem anderen zusammenhängt. Das habe ich gemacht. Ich tendiere dazu, und das hast du richtig beobachtet, dass die neue Vielfalt an aussenpolitischer Berichterstattung ein Gewinn ist. Aber wie du vielleicht auch gelesen hast, bin ich mir bewusst, dass abschliessende Aussagen hierzu (noch) nicht möglich sind, weil vergleichbare Zahlen und verlässliche Untersuchungen dazu fehlen.

    -Twitter in den Sonntagszeitungen: Ich habe die drei, respektive vier, Artikel zu Twitter in den Sonntagszeitungen gelesen und festgestellt, dass einer davon, nämlich derjenige in der NZZ am Sonntag, ein umfassenderes Bild zeichnet und nicht nur auf das Skandalpotenzial fokussiert. Bei den anderen beiden Artikeln könnte der unbedarfte Leser den Eindruck gewinnen, dass Twitter eine sehr gefährliche Online-Plattform sein muss.

    Wenn du schon nicht sur place kommentieren magst, wäre eine etwas akkuratere Wiedergabe der Texte, die du kritisierst, einer konstruktiven Diskussion bestimmt nicht abträglich. Aber das geht nur ohne Denkschablonen.

  2. agossweiler schreibt:

    Nick, danke für Deine Antwort. Zum Thema Denkschablonen: Ich habe Deinen kritischen und gut informierten Medienjournalismus beim Klartext immer sehr geschätzt. Ich wäre begeistert, wenn die Medienwoche mehr Medienjournalismus à la Klartext bieten würde und dafür weniger dogmatische Internet-Euphorie. Ich bin nicht einverstanden, wenn Du schreibst, ich hätte Deine Aussagen nicht korrekt wiedergegeben. In Deinem Artikel zur Auslandsberichterstattung lese ich:
    1) «Noch nie gab es ein so reichhaltiges und leicht verfügbares Angebot an internationalen Medien»
    2) «Die Möglichkeiten, sich zu einem günstigen Preis über internationale Zusammenhänge zu informieren, war noch nie so gut wie heute» (Zitat «Foraus»)
    3) «Was aber ausser Zweifel steht (sic!): Mit dem umfassenden internationalen Medienangebot im Web haben die Möglichkeiten massiv zugenommen, sich kompetent über das Weltgeschehen zu informieren»
    4) Und der Schlussatz, der naturgemäss den Charakter eines Fazits hat: «…kann die sich heute ein umfassenderes und differenzierteres Bild des Weltgeschehens machen. Das alleine ist schon ein Gewinn.»
    Der Tenor Deines Texts ist also ziemlich klar: Die Auslandberichterstattung ist heute besser.
    Und beim Twitter-Artikel hast Du eingangs kritisiert, es sei «vor allem von Risiken und Gefahren die Rede» (wörtliches Zitat, in meinem Text wörtlich wiedergegeben).

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