Beschneidung: «Kein medizinischer Nutzen»

Viel wurde in den letzten Wochen über Beschneidung geschrieben. Nicht alle Meinungsäusserungen waren gleichermassen qualifiziert. Ein ehemaliger Präsident einer Ethikkommission sagte, die Beschneidung sei «im besten Interesse des Kindes». Wie wenn es nicht gerade die Frage wäre, ob das wirklich so ist. Ein Ex-Bundesgerichtspräsident meldete, beschnittene Jungen könnten später immer noch selber entscheiden, ob sie Juden oder Moslems sein wollen. Das ist zweifellos so, aber es ist nicht der Kernpunkt der Debatte. Ein Blogger schrieb im Kommentarfeld eines anderen Blogs, die Beschneidung sei nötig aus Gründen der Hygiene.

Meiner Meinung nach sind für die Beurteilung des Sinns von chirurgischen Eingriffen in erster Linie die Ärzte zuständig – nicht Richter, Blogger oder Ethiker. Eine Stellungnahme, die mich überzeugt, hat der Münchner Kinderchirurg Maximilian Stehr in der aktuellen Spiegel-Ausgabe geschrieben. Zusammengefasst sagt Stehr:

 Die Beschneidung ist kein kleiner Eingriff. Stehr berichtet von einem Kind, das nach der Narkose wegen Sauerstoffmangel einen schweren Hirnschaden erlitt.

 Das Grundprinzip ärztlichen Handelns lautet «primum nihil nocere» – keinen Patienten zu schaden. Der Schaden bei der Beschneidung liege aber beim irreversiblen Verlust gesunden Gewebes. Zudem liege die Komplikationsrate zwischen 0,2 und 2 Prozent, im Säuglingsalter sogar bei 11 Prozent – es komme vor allem zu Nachblutungen und Entzündungen, selten auch zur Verletzung der Harnröhre oder der Eichel oder zur Amputation.

 Die Vorhaut sei nicht überflüssig, sondern erfülle wichtige Funktionen: Sie schütze die Eichel und die Öffnung der Harnröhre vor Reibung und vor dem Austrocknen. Die Beschneidung könne dazu führen, dass sich die Haut der Eichel verhornt und die Harnröhrenöffnung vernegt. Dies komme bei einem Drittel der beschnittenen Säuglinge vor.

 Die Beschneidung habe auch negative Folgen für die Sexualität. Die Vorhaut sei eine erogene Zone. Die Mehrzahl der beschnittenen Männer würden über einen Verlust der Sensibilität berichten. Zudem sei die Reibung beim Beischlaf grösser, und damit die Schmerzen.

 Maximilian Stehr hält fest: Es gibt keinen medizinischen Nutzen einer routinemässigen Beschneidung. Sie könne nicht vor Geschlechtskrankheiten schützen. Es gebe keine wissenschaftlich belegten Vorteile, deshalb entspreche die Beschneidung nicht dem Kindeswohl.

Übrigens stellten amerikanische Kinderärzte bereits 1999 fest: «There is little evidence to affirm the association between circumcision status and optimal penile hygiene.»

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