Tabou – der mysteriöse Zeichner

In den 1980er Jahren kaufte ich in einem Souvenirladen in Brunnen SZ einige Postkarten. Sie gefielen mir, weil Zeichnungen zeigten (statt einem Foto wie die meisten Postkarten), und weil sie schon beim Kauf uralt waren. Die Sujets lassen sich in drei Themenbereiche einteilen: Camping, Tanzen, Wintersport. Der Zeichner ist unbekannt – auf der Rückseite der Postkarten steht nur «Edit. Engelberger, Stans – D’après une gouache de TO». Die französischen Inschriften auf einigen Postkarten lassen vermuten, dass TO ein französischer Zeichner war. Aufgrund der Kleider und Haarschnitte lassen sich die Karten auf die erste Hälfte der 1960er Jahre datieren.

Ein bisschen maliziös war er, der TO. Wenn er junge Pärchen beim Campieren malte, war das Wetter mies, oder der obligate schwarze Pudel stellte irgendwas Dummes an. Zwei Karten zeigen die Campierer sogar in einem dunklen Kellergewölbe – offenbar waren sie vor dem Regen dorthin geflüchtet. Das gab TO die Gelegenheit, die Wände des Kellers mit allerlei launigen Sprüchen zu verzieren: «Johnny à l’Académie», «La vie ne vaut rien mais rien ne vaut la vie», «Monikini verboten» undsoweiter.

In der Serie «Voulez-vous danser?» hat TO Cha-Cha-Cha, Rock’n’Roll und einen Tanz namens Snap dargestellt. Auch auf der Tanzfläche ist immer ein Hund dabei, sei es der erwähnte schwarze Pudel, ein Dackel oder ein Boxer. Die Tänzer sind schick und bunt gekleidet, vom Stil her eher BCBG (bon chic bon genre), manchmal begleitet von einem Gitarristen. Die Paare tanzen mal einzeln, mal vollführen sie gemeinsam die Paartänze, die in den sechziger Jahren aus der Mode kamen.

Auch bei der Serie «Sports d’hiver» konnte TO seine Vorliebe für die Darstellung von Missgeschicken ausleben. Einmal stürzt der männliche Skifahrer, und zwei Frauen lachen ihn aus. Dann wieder sehen wir unseren Skifahrer traurig am Cheminée sitzen, mit Gips am rechten Bein und am linken Arm, während seine Begleiterin mit einem anderen, unversehrten Skifahrer flirtet, der durchs Fenster winkt.

Eine Zeichnung von TO ist auch auf der Rückseite des Umschlags der 1980 erschienenen, total brillanten und total unbekannten Post-Punk-Platte «What’s The Matter Boy?» von Vic Godard & Subway Sect reproduziert: eine Strassenszene aus dem Paris der fünfziger Jahre. Ein Künstler mit Pfeife, Bart und Totenkopf-Amulett am Hals schlendert eine Strasse im Existentialistenviertel Saint-Germain-des-Prés entlang, im Arm eine Mappe mit Zeichnungen, und eine junge Frau steht lässig und zigaretterauchend an der Ecke des Häuserblocks. Die Sprüche an der Mauer passen dazu: «Sartre au pouvoir», «les zazous en Corée». Wieder fehlen Angaben zur Identität des Zeichners – nur das Kürzel TO, überschrieben mit einer zweiten Signatur: «Tabou».

Ich wüsste gerne mehr über diesen mysteriösen Zeichner, der vielleicht nichts Weltbewegendes erschaffen hat, aber doch einen eigenen, poppigen, sofort erkennbaren Stil entwickelt hat, und dessen Werke man an so verschiedenen Orten wie einem Schwyzer Souvenirladen und einer Vic-Godard-LP fand.

Strassenszene von «T. Tabou»

Update 26.7. Dank @dachantenne sind zwei weitere Werke des gleichen Künstlers aufgetaucht. Sie werden von Online-Shops unter dem Namen «T. Tabou» beziehungsweise «Tabou and Cie» verkauft. Der Shop «Between the Covers» beschreibt die Bilder so:

«Vignettes of couples in various stages of inebriation, dancing, and flirting, with dogs and mice in each illustration. The dogs, either French poodles or schnauzers, are (variously) lifting their leg, up at the bar drinking the cocktails through a straw, or dealing with the mice. The walls of the club are covered in graffiti and cob webs. The graffiti spoofs Existentialism and Bebop culture. One club is called „La Rose Noire [Cafe Existentialiste]“ with the band called „l’Ensemble Be-Bop.“ The cartoon is entitled „La Nausee“ referencing Sartre, with the club goers looking hung over. Another is entitled „Indigenes de St. Germain de Pres,“ with two beboppers at the bar. Other graffiti is playful: „Alcool Tue Lentement [Alcohol Kills Slowly].“ „Vive Sartre et le Coca Cola“ is crossed out, with „vendu aux U.S.A [Sold to the U.S.A.]“ underneath. Other graphics include hearts with girls‘ names, nude women, and a gallows. Apparently the work of the mysterious artist, Tabou & Cie, with each work titled and numbered on the verso. A charming and vibrant collection of humorous French illustrations.»

Update 28.7. Ich weiss immer noch nicht, wer sich hinter den Pseudonymen TO / Tabou verbarg. Die Recherche nimmt jetzt internationale Dimensionen an: Vic Godard hat auf seiner Internetseite einen Link zum Silver-Train-Blog gesetzt, und er hat auch mit Hilfe von Google Translator eine englische Übersetzung meines Blogposts angefertigt.

Über agossweiler

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3 Antworten zu Tabou – der mysteriöse Zeichner

  1. dachantenne schreibt:

    Meine Idee wär höchstens, mal bei MCA oder Vic Godard & Subway Sect nachzufragen, ob sie wissen wer das Cover gestaltet hat. Auf der Hompage von Vic Godard (http://www.vicgodard.co.uk/) findet man ja seine E-Mail Adresse.

  2. agossweiler schreibt:

    Gute Idee, vielen Dank! Ich habe Vic Godard angefragt, aber leider kennt er den Zeichner auch nicht. Vic schrieb: «Hi Andreas sorry but I have no idea as our manager at the time used it and I never asked him who it was by,Vic.»

  3. Pingback: In eigener Sache: Zwei Jahre SILVER TRAIN | SILVER TRAIN

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