Die Schweiz als Auswanderungsland

Einwanderung ist ein heiss diskutiertes Thema. Oft wird über das Thema unsachlich und polemisch diskutiert. Da tut es gut, wenn wir uns daran erinnern, dass die Schweiz bis vor hundert Jahren ein Auswanderungsland war. Gelegenheit dazu bietet sich diesen Sommer im Walliser Bergdorf Tärbinu, ausserhalb des Wallis besser bekannt unter dem Namen Visperterminen. Der Verein z’Tärbinu hat in Zusammenarbeit mit der Zürcher Künstlergruppe T_Raumfahrt eine Ausstellung und eine multimediale Inszenierung aus dem Boden gestampft, die mir sehr gut gefallen hat. Themenwahl und künstlerisches Niveau der Umsetzung liegen weit über dem, was ein Dorfverein normalerweise bietet. Warum Visperterminen? Ein Viertel der Dorfbevölkerung sah sich Ende des 19. Jahrhunderts gezwungen, ihr Glück im Ausland zu suchen.

Die Ausstellung Ein Rundgang durch den Dorfkern verbindet sechs Stationen in leer stehenden Häusern. Die Ausstellungsgestalter haben Schicksale von Auswanderern ausgegraben und optisch attraktiv und fantasievoll aufbereitet. Da erfuhr ich von einem rücksichtslosen Familienvater, der nach Amerika ging, seine Kinder und Ehefrau aber in Genua unter einem Vorwand dazu nötigte, wieder nach Visperterminen zurückzukehren. Oder von einer Mutter zweier unehelicher Kinder, die gezwungen wurde, in die USA auszuwandern. In einem anderen Ausstellungsraum kommen die Interessenkonflikte der Einwanderer, der argentinischen Gauchos und der Indianer zur Sprache. Besonders spannend finde ich den Aspekt der Zwangsauswanderungen: Die Walliser Behörden forcierten und finanzierten unfreiwillige Auswanderungen von Sträflingen und geistig Behinderten. Heute würde man von Ausschaffungen sprechen. Ausser dass davon nicht Immigranten betroffen waren, sondern Schweizer.

Die Inszenierung Spektakulärer als die Ausstellung ist die multimediale Inszenierung, die sich um die Sesselbahn Visperterminen – Giw dreht. Auch hier ist Auswanderung das Thema. Im Dorf spielen Mitglieder der «Tärbiner Dorfbühna» Szenen, die zeigen, welche menschlichen Dramen mit den Auswandererschicksalen verbunden waren. Beim Einbrechen der Nacht gehts hoch mit dem Sessellift. Via Kopfhörer erzählt ein Hörspiel, wie beschwerlich die Überfahrt auf den Auswandererschiffen war. Darsteller in historischen Kostümen kreuzen das Publikum auf entgegenkommenden Sesseln. Dazu hat T_Raumfahrt zauberhafte Objekte im nächtlichen Wald plaziert, die das Thema Auswanderung visualisieren, etwa einen riesigen Schiffskamin oder einen Walfisch, der im Visperterminer Wald gestrandet ist. Bei der Bergstation beginnt die imaginäre «Pampa» mit einem kämpferischen Indianerstamm, Einwanderern und einer zauberhaften Klanginstallation.

Die Ausstellung ist noch bis Oktober zu sehen, die Sessellift-Inszenierung an den zwei nächsten Wochenenden (26./27./28. Juli, 2./3./4. August). Weitere Infos: www.heidadorf.ch

Fotos: Andreas Gossweiler

Über agossweiler

Journalist
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