The Guardian und Alan Rusbridgers «messianic mission»

Die schlechte Nachricht: The Guardian, eine der besten Tageszeitungen der Welt, und ihre Sonntagszeitung The Observer verzeichneten letztes Jahr einen Verlust von rund 44 Millionen Pfund. Jetzt will Chefredaktor Alan Rusbridger die Redaktion, in der rund 650 Journalistinnen und Journalisten arbeiten, um 70 bis 100 Köpfe verkleinern. Schon in den letzten Jahren fuhr die Zeitung jedes Jahr happige Defizite ein. Die Aussichten sehen düster aus: Der CEO der Guardian Media Group rechnet damit, dass die Firma in «drei bis fünf Jahren» pleite sein könnte. Eine schwer erträgliche Vorstellung, denn die hervorragende Zeitung würde eine publizistische Lücke hinterlassen, die keine andere Zeitung füllen könnte.

Die Medienbranche diskutiert intensiv über das Defizit des Guardian. Denn der Guardian ist nicht nur eine besonders gut gemachte Zeitung, er verfolgt auch eine besonders konsequente Online-Strategie: Alle Artikel sind im Netz gratis zugänglich. Der Guardian ist deshalb das Paradebeispiel der Befürworter des sogenannten «freien Internets» und Gegner von Paywalls.

Dem New Statesman fällt die «missionarische Begeisterung» des Chefredaktors Rusbridger für Gratis-Onlinejournalismus auf: «Some staff compare him to a leader of a religious cult.» Die Zahlen sprechen nicht für Rusbridger: 75 Prozent der Einnahmen stammen laut der Zeitung New Statesman von den Printausgaben des Guardian und des Observer. Das erstaunt nicht: Auf der Guardian-Internetseite ist nur sehr wenig Werbung sichtbar. Leider sind die Print-Einnahmen rückläufig: die Auflage des Print-Guardian hat sich in den letzten sechs Jahren halbiert. «The Guardian is caught in a position where revenue from old technology is falling fast but revenue from new technology is not rising quickly enough to replace it», konstatiert der New Statesman. Alan Rusbridger sei der beste Guardian-Chefredaktor, aber vielleicht auch der letzte. Er fahre die Zeitung mit hohem Tempo gegen die Wand, zitiert der New Statesman einen Kritiker.

Bisher wehrte sich Rusbridger mit Zähnen und Klauen gegen eine Paywall. Wenn die Zeitung nicht mehr gratis sei, verliere sie an Reichweite und Einfluss, argumentiert er. Zudem verhindere die Paywall die interaktive Beteiligung der Leserinnen und Leser. Kritiker finden das zu dogmatisch und regen an, wenigstens für Teile der Zeitung wie den «Media Guardian» die Zahlungspflicht einzuführen.

Die Zeitschrift GQ zitiert einen anderen Medienexperten, der Rusbridgers Online-Strategie grundsätzlich hinterfragt: «It’s the same old strategy of going for volume when they should be going for value. They’re obsessed with volume. They can’t see past the old digital fable that ‚if you build it, they will come‘. It’s almost become a messianic mission.»

Schon wieder stellt jemand missionarisches Denken fest. Die Frage ist: Wie lange kann es sich ein Unternehmen, das massive Defizite einfährt, leisten, sein Angebot im Internet zu verschenken?

Update: Sonntag-Redaktor Christof Moser schreibt, die Verluste des Guardian seien ein Schock «für die Gläubigen unter den Journalisten.»

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