Machen Raubkopien glücklich?

Das Triumphgeheul der Piraten nach der Abstimmung des EU-Parlaments zum ACTA-Abkommen war vorhersehbar. Weniger verständlich finde ich es, dass ein Journalist ähnliche Töne anschlägt. Christof Moser schreibt im Blog der Zeitung Der Sonntag, die «Internet-Generation» habe «einen politischen Sieg über das althergebrachte Denken der Eltern-Generation errungen».

Zunächst finde ich es falsch, einer ganzen Generation Sympathie für die Internet-Piraterie zu unterstellen. Dann wäre zu fragen: Welche Generation? Heute benützt praktisch die gesamte Bevölkerung das Internet mehr oder weniger intensiv – von den 5-Jährigen bis zu den Senioren. Die Piraten konnten bisher nur einen verschwindend kleinen Prozentsatz der Internet-Benützer von der Bedeutung des Kampfes gegen das Urheberrecht und gegen ACTA überzeugen. Und dass die Piratenpartei wegen des ACTA-Abkommens «geboren» worden sei, wie Moser schreibt, ist eine abenteuerliche These. Es gab die Piraten schon vor der ACTA-Debatte, und sie würden ihr Unwesen sicher auch ohne dieses Abkommen treiben.

In seinem Blogtext spricht Moser also die «Eltern-Generation» an, die Mütter und Väter der «Internet-Generation». Am Schluss seines Blogtexts wird Moser überschwänglich:

«Meine Botschaft an Ihre Kinder ist: Kopiert mich! Teilt mich! Macht mich glücklich! Wem es um die Verbreitung von Inhalten geht und nicht ums Geschäft, liebe Leserin, lieber Leser, der liebt Ihre Kinder!»

Das Wort «teilen» ist Piratenjargon und eine beschönigende Bezeichnung für den Gratiskonsum von urheberrechtlich geschützten Werken. In der jüngsten Vergangenheit haben Musikerinnen und Musiker begonnen, sich gegen die massenhafte Verletzung des Urheberrechts zu wehren. Ich finde es verheerend, wenn ein Journalist, der zu Recht sagt: «Auch ich gehöre zu den Urhebern», jetzt ein konträres Signal aussendet. Die Medienbranche wird durch den Gratiskonsum im Internet genauso geschädigt wie die Musiker.

Selbstverständlich sind alle Journalisten glücklich, wenn unsere Artikel oft gelesen werden. Doch wenn Moser behauptet, es gehe nur um die «Verbreitung und nicht ums Geschäft», argumentiert er merkwürdig einseitig. Natürlich ist das Geschäft nicht die Domäne der Journalisten, dafür sind in erster Linie die Verleger zuständig. Dennoch ist es klar, dass, wenn der Gratiskonsum im Internet den Verlegern das Geschäft vermiest, auch die Journalisten die Leidtragenden sein werden. Weil es noch weniger Jobs für Journalisten gibt, wenn die Erträge noch stärker zurückgehen.

Ob Christof Moser dann immer noch «glücklich» sein wird, bezweifle ich. Es wäre an der Zeit, dass sich nicht nur Musiker, sondern auch Journalisten gegen den Gratiskonsum wehren. Statt sich mit den Piraten zu verbrüdern. Wir wissen ja am besten, wie aufwändig guter Journalismus ist.

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