Besuch im neuen Bahnmuseum Albula

Ich finde, es kann nie zuviele Eisenbahnmuseen geben. Doch überraschenderweise gab es in der Schweiz, dem Land mit dem dichtesten Bahnnetz der Welt, bisher nur ein Eisenbahnmuseum (das auch andere Transportmittel ausstellt): das Verkehrshaus in Luzern. Jetzt gibt es ein zweites: das Bahnmuseum Albula in Bergün. Höchste Zeit für einen Besuch.

Das Albula-Museum will «ein interessantes Spektrum aus der Kultur- und Sozialgeschichte der Rhätischen Bahn» zeigen. Dieser Anspruch wurde eingelöst. Die Ausstellung beginnt bei Willem Jan Holsboer, dem holländischen Financier der Rhätischen Bahn. Und demontiert damit schon mal den Mythos der wirtschaftlich autarken Schweiz. Das Museum erwähnt auch die Geschichte des Tourismus in Graubünden und zeigt Interviews mit Mitarbeitern der Bahn. Die Texte sind informativ, kein wichtiger Aspekt des Themas wurde vernachlässigt. Die visuelle Gestaltung ist fantasievoll und gepflegt. Im Erdgeschoss kann man dem Modellbauer Bernhard Tarnutzer zuschauen, wie er eine gngantische Modellbahnanlage baut. Dazu kommen temporäre Ausstellungen, diesen Sommer eine spannende Videoinstallation von Sonja Feldmeier über eine indische Bahnlinie. Für mich ist klar: Das Bahnumseum Albula ist eines der best gemachten Schweizer Museen. Ganz wichtig auch für einen stimmungsvollen Ausflug: Im «Büfèt» des Museums gibts modern-urbane Speisen wie Gazpacho oder Burritos.

In diesem neuen Museum vermisse ich nur eines: den Geruch nach Schmieröl. Alles wurde von Pius Tschumis Büro Kunstvermittlung GmbH erstklassig getextet und inszeniert. Doch die Darstellung der Albulabahn basiert für meinen Geschmack zu stark auf Reproduktionen von Fotos und anderen papierenen Dokumenten. Nur hier und da blitzt ein alter Stromabnehmer oder eine Sammlung abgenutzter Schienen auf. Das Kernthema des Museums, die Eisenbahn, ist leider kaum physisch vorhanden. Und wenn die Eisenbahn erwähnt wird, dann in technischen Begriffen, die zuwenig erklärt werden: «Lokomotiven der Bauart Mallet waren dank ihrer Wendigkeit gut geeignet für Steilrampen und enge Kurven» – das stimmt schon, aber wieviele Museumsbesucher wissen, was eine Mallet-Lokomotive ist? Warum nicht eine zeigen? Spannend und optisch reizvoll wäre auch die Darstellung der technischen Entwicklung der Züge seit der Eröffnung der Albulabahn – wenns keinen Platz hat für das Original, dann eben mit Modellen. Aber in der ganzen Ausstellung sah ich nur zwei Lokomotivmodelle plus eine Krokodillok vor dem Eingang. Könnte RhB Historic nicht wenigstens eine kleine Dampflok locker machen? Warum parkiert die RhB nicht die schönen alten Personenwagen, die wochentags in Thusis herumstehen, vor dem Bahnmuseum? Im Schaudepot im Keller des Museums schlummern einige Exponate (u.a. eine alte Mitropa-Speisewagenküche), die die Eisenbahnatmosphäre verströmen, die ich weiter oben vermisste.

Gut verbinden lässt sich der Museumsbesuch mit der Besichtigung des «real thing», denn Bergün liegt mitten im spektakulärsten Teil der Albulalinie. Es gibt einen schönen Bahnlehrpfad entlang der Albula nach Preda. Schade nur, dass er im unteren Teil, also zwischen Bergün und Muot, weit weg von der Bahnlinie verläuft. Weiter oben kann man vom Wanderweg aus die Entwicklung der Linie mit Kehrtunnels und hohen Brücken bestens anschauen und verstehen. In den nächsten zwei Jahren soll der Lehrpfad zu einem moderneren «Erlebnisweg» umgebaut und bis nach Filisur ausgedehnt werden. Es tut sich was in Bergün.

www.bahnmuseum-albula.ch
www.berguen-filisur.ch/bahnerlebnisweg

Fotos: Andreas Gossweiler

Über agossweiler

Journalist
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2 Antworten zu Besuch im neuen Bahnmuseum Albula

  1. Martin (@tinuwin) schreibt:

    Nicht nur, aber viel Eisenbahn gibt es auch im Musée du Fer (museedufer.ch) in Vallorbe.

  2. agossweiler schreibt:

    Danke für den Hinweis, das werde ich auch gerne mal anschauen.

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