Blogger und Journalisten im «Many-to-Many-Zeitalter»

Bei Diskussionen um Medien beteiligen sich Internet-Unternehmer viel fleissiger als Journalisten. Ich habe nichts dagegen, dass sich Leute, die ihr Geld mit Internet-Dienstleistungen verdienen, den Kopf zerbrechen über die Zukunft des Journalismus. Bei der Debatte um die Zukunft des Journalismus sind aber die Hauptbeteiligten, nämlich die Journalistinnen und Journalisten, unterrepräsentiert. Heute wird diese Debatte wesentlich von den Internet-Dienstleistern und ihrem politischen Arm, der Piratenpartei, geprägt, die mit viel Sendungsbewusstsein ihre Visionen formulieren. Medienpraktiker melden sich selten zu Wort. Das führt dazu, dass die Diskussion oft einseitig geführt wird. Mir fällt an den Wortmeldungen der Internet-Unternehmer auf, dass ihre Diskussionsbeiträge von wohlklingenden Theorien genährt sind, die dem Vergleich mit der Realität nicht stand halten. Zwei Beispiele.

Marc Böhler arbeitet laut Selbstdarstellung als Internet-Berater, Internet-Medienkurs-Leiter für Jugendliche und freier Autor. Im Medienspiegel schrieb Böhler:

«Inzwischen sind auch die Macher klassischer One-to-Many-Medien der Meinung, dass wir definitiv im Many-to-Many-Zeitalter angekommen sind.»

Als Beleg zitierte Böhler den deutschen Journalisten Frank Schirrmacher, der in einer Gesprächsrunde gesagt hatte: «Wir müssen erkennen, dass der sogenannte Empfänger ein Medium geworden ist, das selbst senden kann. Ein Blog kann genauso wichtig sein wie ein Leitartikel in der FAZ oder ein Spiegel-Artikel.» Böhler forderte den Soziologieprofessor Kurt Imhof auf, in Zukunft in seinem viel diskutierten «Jahrbuch Qualität der Medien» auch die «Many-to-Many-Medien» zu erforschen, weil Imhofs bisheriger Untersuchungsgegenstand, die professionellen Medien, «nur eine Teilmenge der heutigen Öffentlichkeit» darstellen würden.

Die These vom «Many-to-Many-Zeitalter» klingt gut, auch die Behauptung, «der sogenannte Empfänger» sei «ein Medium geworden.» Theoretisch stimmt das schon. Doch die erhoffte Demokratisierung der Information konnten die neuen Internet-Medien bis heute nicht leisten. Zwar hat heute jede und jeder die Möglichkeit, schnell ein Blog zu starten. Ich habe es auch gemacht. Aber ein grösseres Publikum zu finden, ist wesentlich schwieriger. Die wenigsten Blogger schaffen das. Deshalb bat ich Marc Böhler, konkret zu sagen, welche «Many-to-Many»-Medien dringend von Imhof untersucht werden müssen, weil sie punkto Inhalt und Reichweite ähnlich relevant sind wie die professionellen Medien. Statt eine Antwort zu liefern, teilte Böhler mit, er finde die Frage «seltsam.»

Auch David Herzog ist ein feuriger Verfechter der «Many-to-Many»-These. Was er beruflich macht, ist nicht genau bekannt, laut seinem Blog «was mit Internet». In seinem neusten Blogpost schreibt er:

«Mit heutigen Geräten, Software und Publikationsmöglichkeiten ist jeder ein potenzieller Kulturschaffender, und Unzählige nutzen diese Möglichkeiten auch aktiv. Es wird geschrieben, gefilmt, fotografiert, programmiert, musiziert und kombiniert und alles veröffentlicht.»

Auch diese Aussage hält dem Vergleich mit der Realität nicht stand. Sicher: Alle Besitzer eines Computers haben die Möglichkeit, auf dem Computer etwas kreatives zu tun. Aber die wenigsten Computerbesitzer machen es. Das riesige Software-Angebot hat nicht dazu geführt, dass heute mehr Leute kreativ wären als früher. Denn nicht die Software machen einen Künstler aus, sondern die Ideen. Der gesamte elektronische Karsumpel hat daran kein Mü geändert. Auch mit dem neusten Computer und der tollsten Software braucht man immer noch spannende Ideen, um Musik zu machen oder ein Blog oder was immer. Und tolle Ideen sind heute genau so Mangelware wie früher.

Über agossweiler

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2 Antworten zu Blogger und Journalisten im «Many-to-Many-Zeitalter»

  1. Denis Simonet schreibt:

    Fakt ist, dass durch das Internet Kultur, die sonst im Bastelraum verstauben würde, plötzlich ihren Weg durch die ganze Welt finden kann. Für alle Produkte, die digital speicherbar sind, gibt es ausserdem erfolgreiche Plattformen: YouTube für Videos, Flickr für Bilder, Blogs für Texte, last.fm für Musik. Jeder kann ein Medium sein, es stehen kaum mehr Hürden im Weg; potenziell kann im Nu die ganze Welt erreicht werden. Wahr ist natürlich: Es ist zwar einfacher als früher, allerdings ist natürlich nicht automatisch jeder Künstler erfolgreich. Das war aber auch schon früher so.

  2. agossweiler schreibt:

    Denis, Du wiederholst das Gleiche, was Marc Böhler und David Herzog schon gesagt haben, aber der Denkfehler bleibt der gleiche. Kultur konnte schon vor dem Internet den Weg aus dem Bastelraum in die weite Welt finden. Klar kann heute jeder ein Video auf Youtube veröffentlichen. Aber die allerwenigsten davon finden ein grosses Publikum. Fazit: Statt von einem «Many-to-Many-Zeitalter» müsste man eher von einem «Many-to-Few»-Zeitalter sprechen. Denn der grösste Teil der Föteli auf Flickr verstauben statt im Estrich halt jetzt im Internet, und die meisten selbst gemachten Videos auf Youtube werden von herzlich wenig Leuten angeschaut (anders verhält es sich natürlich mit den Raubkopien). Einige wenige Ausnahmen, die ein grosses Publikum finden, ändern nichts daran. Die «Demokratisierung» der Medienproduktion ist weitgehend Fiktion.

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