Schirrmachers Irrtum

Vor zwei Monaten waren es drei. Jetzt sind es 4000 Urheberinnen und Urheber, die sich gegen das Aufweichen, Aushöhlen und Abschaffen des Urheberrechts wehren. Darunter so unterschiedliche Autorinnen, Musiker und Künstler wie Charlotte Roche, Peter von Matt, Feridun Zaimoglu, Franz Hohler, Rocko Schamoni, Timo Blunck, Klaus Merz, Xao Seffcheque, Hansjörg Schertenleib. Sophie Hunger, Dieter Moor und viele andere Mitglieder des Kulturkuchens.

Auch Frank Schirrmacher hat sich jetzt in die Debatte eingemischt. Er fordert «Schluss mit dem Hass». Zum Schreiben animiert haben ihn hasserfüllte Reaktionen im Internet auf die Wortmeldung von Sven Regener: «Die Beleidigungen gegen ihn, die man im Netz so lesen kann, sind atemberaubend. Tauscht man die Namen und Begriffe nur geringfügig aus, man glaubte, hier werde ein Adliger in der Französischen Revolution angeklagt.»

In einem überlangen Text gibt Schirrmacher die Schuld für den Hass eigentlich den Kulturschaffenden. Diese müssten, fordert  Schirrmacher, eine ausser Rand und Band geratene «Abmahnindustrie» in die Schranken weisen: «Sie tauchen plötzlich auf und fordern Abgaben je nach Lust und Laune und wie es ihnen gefällt. Und mit der Mischung, die seit Spartakus immer die Leute in Aufruhr versetzt hat: überwachen, ausspionieren, strafen.» Schirrmacher signalisiert Mitleid mit den Raubkopierern: «Was erwartet ein Autor, ein Sänger, ein Denker, wenn die erste Begegnung mit seinem Werk im Leben eines Menschen damit endet, dass er in seinen Sommerferien jobben musste, um 1200 Euro Strafe zu bezahlen?»

Schluchz. Die armen Raubkopierer. Frank Schirrmacher hat viel Verständnis für sie. Warum nur für die Raubkopierer? In allen anderen Wirtschaftszweigen ist es selbstverständlich, dass man bestraft wird, wenn man nicht zahlt. Zum Beispiel im öffentlichen Verkehr oder in der Gastronomie. Doch hier fordert niemand straflose Selbstbedienung.

Deshalb trifft Frank Schirrmachers Analyse den Kern des Problems nicht. Denn erstens sind Hasskampagnen eine unschöne Begleiterscheinung vieler Internet-Debatten, es gibt sogar einen eigenen Begriff dafür: Shitstorm. Oft entwickelt sich dabei eine Eigendynamik, wobei die Intensität der Emotionen in keinem rationalen Verhältnis mehr steht zum auslösenden Thema. Und zweitens waren die Exzesse einer angeblichen «Abmahnindustrie» nie das zentrale Argument in der Debatte um das Urheberrecht. Wer die Diskussionsbeiträge der Piraten liest, dem fällt vielmehr auf, dass diese Leute gegen das Urheberrecht anrennen, weil es ihrer Meinung nach nicht zum Internet passt. Wie oft haben Piraten gejammert, das Durchsetzen des Urheberrechts «zerstöre» das «freie» Internet? Verglichen damit, hat die Kritik an der «Abmahnindustrie» einen kleinen Stellenwert. Schirrmacher scheint dies entgangen zu sein.

Deshalb ist Frank Schirrmachers Diskussionsbeitrag wenig ergiebig. Denn der im Internet geäusserte Hass gegen Sven Regener ist offensichtlich nicht in erster Linie wegen Bussen fürs Raubkopieren entstanden, sondern weil die Piraten und ihre Wähler dogmatisch denken: Das Internet muss «frei» sein, sprich: Raubkopieren soll straflos bleiben, denn ohne es können sich die Piraten das Internet gar nicht mehr vorstellen. In vielen Diskussionsbeiträgen lässt sich diese dogmatische Position nachlesen. Es ist nicht verständlich, warum sich Schirrmacher auf die Idee kapriziert, Zorn gegen die «Abmahnindustrie» habe den Hass auf Sven Regener befeuert. Ich sehe keine Indizien für diese These.

Auf viel weniger Zeilen bringt ein Schirrmacher-Leser das Problem auf den Punkt: «Manchen fehlt einfach das Unrechtsbewußtsein. Und wie erlangt man das wieder zurück? Indem man wie beim Rotlichtverstoß für seine Taten zur Rechenschaft gezogen wird. Also genau das, was schon eine ganze Weile passiert. Das Internet (welches im Grunde ja nur eine andere Art der Kommunikation darstellt) war noch nie ein rechtsfreier Raum und wird es hoffentlich auch niemals sein.»

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