Die zehn grössten Irrtümer der Piratenpartei

Seit einiger Zeit macht eine neue politische Gruppe von sich reden: die sogenannten Piraten. In Deutschland feiern sie erste Erfolge. Im Schweizer Fernsehen tritt der Piratenpräsident bei Giacobbo und Müller auf. Was mich am meisten stört an den Piraten, ist nicht, dass sie eine andere Meinung zum Urheberrecht haben als ich. Mir fällt auf, wenn ich Piraten sprechen höre, dass diese Leute die Realität verdrehen. Ohne lange Recherchen habe ich eine Liste der zehn grössten Irrtümer der Piraten zusammengestellt:

1. «Das Internet hat das Geschäftsmodell der Zeitungsverlage und Plattenfirmen vernichtet.» (Quelle: Substanz-Blog)
Das ist eine Wunschvorstellung der Piraten, stimmt aber nachweislich nicht – wie so manches, was die Piraten verzapfen. Zwar ist es richtig, dass die Gratiskultur im Internet die Profitabilität der Medienbranche geschmälert hat und so auch zu einem Qualitätsabbau bei Medienprodukten geführt hat. Doch Medienunternehmen können trotz Internet immer noch profitabel wirtschaften. Das beweist der kürzlich vermeldete Rekordgewinn der Tamedia.

2. «Freier Zugang zu Wissen und Kultur ist ein Grundpfeiler der Informationsgesellschaft.» (Quelle: Programm der Schweizer Piratenpartei)
Klingt gut, ist aber missverständlich formuliert – um nicht zu sagen: total verlogen. Denn unter «freiem Zugang zu Wissen und Kultur» verstehen die Piraten den Konsum von Medien, ohne dafür zu bezahlen. Der Gratiskonsum von Zeitungen, Musik, Filmen ist aber nicht die Basis einer demokratischen, freiheitlichen Gesellschaft, wie die Piraten meinen. Vielmehr erschwert der Gratiskonsum die Produktion von qualitativ hochstehenden Medienangeboten, die wichtig sind für die Demokratie. Indirekt fördert die Gratismentalität die Verbreitung von PR und Gerüchten. Denn die PR-Maschinerie hat einen umso leichteren Stand, je weniger Mittel die Qualitätsmedien zur Verfügung haben.

3. «Die Schweizer sind konservativ. Sie haben Angst vor Piraten.» (Quelle: Thomas Bruderer bei Giacobbo und Müller)
Auch das stimmt nicht. Die Schweizerinnen und Schweizer sind vernünftig. Sie sind nicht bereit, auf die Schnelle einer Gruppe von jungen Männern ihre Stimme zu geben, die ein esoterisch klingendes Programm zusammengestellt haben, das mit der Lebensrealität der meisten Schweizerinnen und Schweizer wenig zu tun hat. Zudem ist die Schweiz ein wohlhabendes Land, dessen Bürgerinnen und Bürger mehrheitlich wenig Interesse haben, auf der politischen Ebene für den Gratis-Medienkonsum zu kämpfen.

4. «Die Piraten wollen nicht, dass Schüler kriminalisiert werden, die MP3 herunterladen.» (Quelle: Thomas Bruderer)
Ein beliebter Spruch der Piraten, um auf die Tränendrüsen zu drücken. Bei Licht besehen ist das Chabis. Niemand will Schüler kriminalisieren. Vielmehr ist das Ziel neuer Gesetze zum Schutz des Urheberrechts, dass die Anbieter von Mechanismen, die die Verletzung des Urheberrechts im grossen Massstab ermöglichen, besser kontrolliert und falls nötig bestraft werden.

5. «Man sieht, das Produkt ist scheisse, und dann will man dafür nicht zahlen. Man zahlt dafür, wenn es gut ist.» (sic!) (Quelle: Thomas Bruderer)
Ein Pirat liest also im Internet einen Artikel und masst sich an, erst nach der Lektüre zu entscheiden, ob er dafür zahlen will oder nicht. Bei keiner anderen Branche getrauen sich die Piraten, solches zu fordern. Man stelle sich einen Pirat im Restaurant vor, wie er dem Kellner sagt, er wolle das soeben verspiesene Menü nicht zahlen, weil er es «scheisse» findet. Das wäre Zechprellerei, in der Schweiz ein Straftatbestand. Nur bei den Urhebern geistiger Werke getrauen sich die Piraten, straflose Zechprellerei zu verlangen. Das zeigt, wie sehr die Piraten die Urheber geistiger Werke verachten.

6. «Wenn ich ein Stück von DJ Bobo herunterlade, ist das kein Diebstahl. Ich erstelle nur eine Kopie, die nicht lizenziert ist. Das Original ist immer noch vorhanden.» (Quelle: nochmals Thomas Bruderer)
Dieser Satz zeigt deutlich, wie realitätsfremd die Argumentation der Piraten ist. Für die Piraten kann man nur materielle Werke stehlen, aber keine immateriellen Werke. Ein Vergleich zweier Kunstgattungen zeigt die Absurdität dieser Aussage: Wenn ich ein Gemälde von Picasso stehle, ist es offensichtlich Diebstahl, das würde auch ein Pirat nicht bestreiten. Aber wenn ich das neue Album von Madonna gratis herunterlade, ist es für die Piraten kein Diebstahl. Doch es ist weder juristisch noch kulturgeschichtlich sinnvoll oder logisch, im Urheberrecht zwischen materiellen und immateriellen Werken einen Unterschied zu postulieren. Zudem gibt es im digitalen Zeitalter gar keinen Unterschied mehr zwischen Original und Kopie.

7. «Das Internet würde zerstört, wenn der Gratiskonsum eingeschränkt wird.» (Quelle: Substanz-Blog)
Es gibt keinen Beweis für diese Behauptung. Denn das Internet dient vielen verschiedenen Zwecken ausser dem Gratiskonsum von urheberrechtlich geschützten Werken. Wenn solche Werke nicht mehr ungehindert geklaut werden können, würde die Fantasie vieler User zweifellos massiv angestachelt, und die User würden vermehrt geistige Werke selber schaffen, statt sich an der Arbeit anderer Urheber gütlich zu tun, ohne zu zahlen. Das Internet wäre also lebendiger als heute.

8. «Die Piraten sind nicht die Feinde der Urheber, sondern unterstützen sie.» (Quelle: Substanz-Blog)
Die Piraten hegen offenbar die Hoffnung, mit diesem rhetorischen Manöver könnten sie den Protest der Urheber eingrenzen. Ein aussichtsloses Unterfangen. Denn wer den straflosen Gratiskonsum fordert und den Musikern und Medienschaffenden gönnerhaft empfiehlt, sich neue Geschäftsmodelle auszudenken, hat es schwer, sich glaubhaft als Freunde der Urheber darzustellen. Der Graben zwischen Wunsch und Realität ist zu gross.

9. «Kopien zu teilen, darf nicht illegal sein, da dies der ganzen Gesellschaft zugute kommt.» (Quelle: Parteiprogramm der Schweizer Piraten)
Ein unlogischer Satz. Denn wer Kopien von geistigen Werken gratis verbreitet, schmälert das Einkommen der Urheber. Die Folgen sind klar – die Produktion von geistigen Werken wird weniger profitabel und somit zusätzlich erschwert.  Das Verbreiten von Raubkopien kommt letztendlich niemandem zugute, nicht einmal dem Raubkopierer. Denn indem er die Produktion von geistigen Werken erschwert, schränkt er gleichzeitig die Auswahl der Werke ein, die er gratis konsumieren und verbreiten kann. Und wenn die Urheber weniger verdienen, sinkt auch ihr Anreiz, geistige Werke zu schaffen. Im Endeffekt gibts dann immer weniger, das die Piraten gratis verbreiten können.

10. «Die Urheber haben nicht verstanden, wie das Internet funktioniert / was die Piraten wollen.» (Quelle: Substanz-Blog, Thomas Bruderer)
Ein Argument, das an die Denkweise von Sekten erinnert. Auch die Anhänger von Sekten verstehen sich als Gruppe, die im Besitz einer Wahrheit ist, die Aussenstehenden nicht zugänglich ist, weil sie nicht den gleichen Grad der Erleuchtung haben. In Tat und Wahrheit ist es nicht schwierig, zu verstehen, was die Piraten wollen. Sie wollen sich gratis an den Werken der Urheber gütlich tun. Nur wenn ihnen grad danach zumute ist, sind sie bereit, «Spenden» locker zu machen. Damit zeigen die Piraten, wie sehr sie die Urheber von geistigen Werken gering schätzen. Denn in der Beiz oder im Kleiderladen würden sie sich nie getrauen, den Preis für die erbrachte Leistung als «Spende» zu deklarieren.

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