Twitter – Stimme der schweigenden Mehrheit?

«Dank neuen Phänomenen wie Facebook, Twitter oder The Huffington Post nutzt die bisher schweigende Mehrheit die Medien erstmals in der Geschichte auch produktiv. Der Markt der Medien und damit der Meinungen (auch Demokratie genannt) funktioniert besser denn je. Nicht demokratierelevant sind diese Medien nur für ein paar Medienwissenschaftler im Zürcher Elfenbeinturm.»

Das schreibt Markus Schär, Journalist im Sold von Avenir Suisse, in der Medienwoche. In einem ellenlangen Riemen – nur Hartgesottene halten bis zum Schluss durch – versucht Schär, Forderungen nach einer staatlichen Pressefinanzierung abzuschmettern. Den Befürwortern einer staatlichen Unterstützung wirft Schär eine «Verwirrung und Umdeutung der Begriffe» vor, «die sie bei George Orwell gelernt haben könnten.»

Und Markus Schär? Wenn er sich auf ein Loblied der freien Marktwirtschaft im Stil von Avenir Suisse beschränken würde, hätte ich nichts dagegen. So im Stil von: Die Privaten könnens eh besser, und alles was vom Staat kommt, ist des Teufels (ausser wenn die UBS gerettet werden muss). Doch Schär versteigt sich in eine schräge Argumentation, die so klingt, wie wenn er sie beim Internet-Evangelisten Ronnie Grob gelernt haben könnte.

Um den Wunsch nach staatlichen Geldern zu diskreditieren, kommen die neuen Medien natürlich gelegen. Blogs, Facebook, Twitter ersetzen die traditionellen Medien – das wollen uns Social-Media-Apostel wie Ronnie Grob seit Jahren weismachen. Leider unterstützen die Fakten die Schwärmerei der Internet-Fans nicht. Längst zeigten Wissenschaftler, dass Social-Media-Kanäle grösstenteils Inhalte der traditionellen Medien wiedergeben, statt selber neue Inhalte zu kreieren. Es führt also in die Sackgasse, Facebook mit Zeitungen vergleichen zu wollen. Es ist mir unverständlich, warum ein langjähriger Journalist wie Markus Schär einen derart schrägen Vergleich anstellen kann.

Noch schräger ist Schärs Idee, die «bisher schweigende Mehrheit» würde sich plötzlich begeistert der Social-Media-Kanäle bedienen (und, wenn wir Schär beim Wort nehmen, jetzt sogar auch die Seiten der «Huffington Post» vollschreiben). Einen derartigen Unsinn kann nur behaupten, wer noch nie in Twitter und Blogs reingeschaut hat. Twitter wird bekanntlich hauptsächlich von Journalisten und Pressesprecherinnen gefüttert, sicher nicht von der «schweigenden Mehrheit». Genau so wenig faktengestützt ist Schärs Behauptung, der Medienmarkt funktioniere «besser denn je». Das ist reines Wunschdenken, ebenfalls von Forschern wie Kurt Imhof gründlich widerlegt. Wunschdenken ist auch die Idee, die Social-Media-Kanäle hätten eine grosse Bedeutung fürs Funktionieren der Demokratie. Jeder, der schon mal versucht hat, ein Blog aufzuziehen, hat schnell gemerkt, dass es verdammt schwierig ist, ein Publikum zu erreichen, das ein, zwei Dutzend Nasen übersteigt. Kaum ein Blog oder Twitterkonto kann deshalb die Aufgabe erfüllen, die bisher die Tageszeitungen erfüllt haben: nämlich einer grossen Leserschaft ein Forum zu bieten für die politische Meinungsbildung.

Und der Titel von Markus Schärs überlangem Elaborat? Der Titel lautet Angemessene Begriffsverwirrung. Dem ist nichts beizufügen.

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