Neues aus Bananastan

Seit 1995 hat Van Dyke Parks keine Platten mehr unter eigenem Namen veröffentlicht. Heute ist die serbelnde Musikindustrie weniger denn je darauf erpicht, Geld in Produktionen zu stecken, die keinen dicken Profit versprechen. Also hat Van Dyke Parks  sein eigenes Plattenlabel gegründet: Bananastan Records. Seine Musik bringt er jetzt auf eine attraktive und originelle Art unter die Leute: in Form einer Serie von sechs Vinyl-Singles, die man für $100 abonnieren kann. Vier der vor einem Jahr aufgenommenen Singles, für Parks «the medium that brought me into recording», sind bereits erschienen. VDP konnte für die Gestaltung eine Handvoll berühmter Künstler gewinnen, die für sein Singles-Projekt gratis gearbeitet haben. «Visual art can be in flight formation with music», fasst Parks seine Idee zusammen.

Die erste Single heisst Wall Street. Keine Hommage an die Occupy-Bewegung, wie man annehmen könnte, sondern Van Dyke Parks‘ musikalisch-lyrische Verarbeitung der Twin-Towers-Katastrophe. Üppig orchestriert, mit den für VDP’s Musik typischen Rhythmus- und Stimmungswechseln. Die Musik beginnt entspannt, wird zunehmend düsterer. Einzelne Texthäppchen, die ich verstehe, lassen nichts Gutes erahnen: «Ash in the air, confetti all colored with blood», die Konfetti sind «love letters lost in space». Im nächsten Moment stürzen ein Mann und eine Frau aus dem New Yorker Himmel, «upside down and holding hands». Der Comicszeichner Art Spiegelman hat diese Szene für den Plattenumschlag kongenial umgesetzt, sein fliegender Mann sieht aus wie Tintin, die Frau hat ein picassoeskes Gesicht, und unten taucht noch Edvard Munchs schreiender Mann auf. Etwas vom Besten, das jemals aus Van Dyke Parks‘ Küche kam.

Auf der zweiten Single ist Van Dyke Dreaming of Paris. Eine zügige Nummer, ebenso üppig orchestriert wie «Wall Street», und sie enthält auch einen Bezug auf das (nicht ganz aktuelle) Zeitgeschehen, in diesem Fall die Bombardierung von Bagdad. Für das Cover fragte Van Dyke Parks den Pop-Art-Künstler Edward Ruscha an. Er lieferte ein Werk, das er 1963 geschaffen hatte, eine Farbstiftzeichnung mit dem Wort PARIS. Ein interessanter optischer Kontrast zu Spiegelmans bewegter Comicszeichnung.

Die dritte Single, Black Gold, ist wieder ein Kommentar zu einer Katastrophe, diesmal ist das Thema der Schiffbruch des Tankers «Prestige» vor der galizischen Küste anno 2002. Die Musik erinnert an die karibischen Steelbandklänge, die sich Van Dyke Parks schon auf seiner zweiten LP «Discover America» 1969 liebevoll und kompetent angeeignet und damit das Genre «World Music» vorweg genommen hatte. Die Umschlagzeichnung steuerte der Zeichner Frank Holmes bei, Leserinnen und Leser dieses Blogs kennen ihn als den Gestalter des Umschlags der epochalen Beach-Boys-Platte «Smile».

Eine eigenartige Mischung enthält die vierte Single: auf der ersten Seite eine fröhliche Instrumentalversion der Hymne Amazing Grace, genannt Amazing Graces, im Fünf-Viertel-Takt. Für die zweite Seite hat Van Dyke Parks einen Song aus seiner 1995er Platte «Orange Crate Art», Hold Back Time, damals von Brian Wilson gesungen, neu eingspielt. Auf der Single singt Van Dyke den Song selber, unterstützt von einem anderen Urgestein der kalifornischen Musikszene, Danny Hutton samt zwei Söhnen. Auf dem Umschlag ist Van Dyke Parks zu sehen, dreidimensional umgesetzt von Charles Ray.

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