Giorgio Agamben über «Nacktheiten»

Immer wieder wird beklagt, dass wir umgeben seien von immer mehr Abbildungen nackter Körper, dass schon die Jungen immer mehr Filme mit pornografischen Szenen anschauen würden, dass unsere Sinne wegen der Darstellung unbekleideter Körper abzustumpfen drohten. Da kann es nichts schaden, zur Kenntnis zu nehmen, was sich Giorgio Agamben zum Thema Nacktheit überlegt hat.

Der theologisch beschlagene Philosoph beginnt buchstäblich bei Adam und Eva. Sie seien vor dem Sündenfall nicht nackt, sondern von einem «Kleid der Gnade» bedeckt gewesen, resümiert Agamben. Was der Biss in den Apfel aber für die Nachfahren von Adam und Eva bedeutet, sei lange Zeit gar nicht so klar gewesen. Der britische Mönch Pelagius habe nämlich im 4. Jahrhundert keinen Gegensatz zwischen Gnade und der menschlichen Natur gesehen. Die Sünde Adams bedeutete also für Pelagius nicht den Verlust der Gnade. Deshalb habe jeder Mensch die Möglichkeit, zu sündigen oder sündenfrei zu leben. Dann setzte sich jedoch die Lehre von der Erbsünde durch und die Ansicht des Theologen Augustinus, der einen unüberbrückbaren Gegensatz zwischen Natur und Gnade sah. Fortan war das Ideal der Kirchenväter sozusagen ein Leben ohne Lust. Am liebsten hätten sie es gesehen, dass der menschliche Wille auch die Genitalien jederzeit unter Kontrolle hätte, auch im Zustand der sexuellen Erregung.

Nacktheit sei aber – wegen des von der katholischen Kirche postulierten Gegensatzes von Natur und Gnade – «kein Zustand, sondern ein Ereignis». Für Giorgio Agamben ist klar: «Nacktheit erfahren wir immer als Entblössung und Aufdeckung, nie als Form und festen Besitz». Darum sei der Striptease «das Paradigma unserer Beziehung zur Nacktheit». Denn vollkommene, dauerhafte Nacktheit existiere gar nicht. Der nackte Körper entziehe sich hartnäckig jedem Zugriff.

Giorgio Agamben: «Nacktheiten», S. Fischer Verlag 2010

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